ORIENTierung

Was ist Orientalismus?

Was ist Orientalismus?

Wenn man sich mit der #Islamwissenschaft oder verwandten Fachrichtungen auseinandersetzt, stößt man früher oder später auf den Begriff #Orientalismus. Was verbirgt sich dahinter? Eine kurze Einordnung. #edwardsaid 

Bahnbrechende Studie von Edward Said 

Orientalismus war der Name einer Studie des palästinensisch-US-amerikanischen Literaturwissenschaftlers Edward Said von 1978, die die Fachwelt ordentlich aufwirbelte. Anhand von historischen wie gegenwärtigen Schriften beleuchtete Said die Dichotomisierung in „Orient“ und „Okzident“. So stellte er die Rhetorik, die den Orient in Abgrenzung vom Westen als „Naturgegebenheit“ ansah, in Frage: 

„Als gleichermaßen geographische wie kulturelle – um nicht zu sagen historische – Konstrukte sind auch Gegenden, Regionen, geographische Zonen wie ‚Orient‘ und ‚Okzident‘ bloßes Menschenwerk.“  

Mit anderen Worten: Said entlarvte das „Othering“ des sogenannten Orients durch den Westen. Die Auseinandersetzung der Forschungsdisziplin „Orientalistik“ und ihren abgeleiteten Studienrichtungen mit dem „Orient“ war demnach nicht neutral, da der Westen die Region durch die eigene Brille wahrnimmt und sich so selbst erhöht. Die dadurch begründete Überheblichkeit oder der Gedanke, man könne/solle andere Völker „zivilisieren“ brachte handfeste Folgen mit sich und legitimierte schlussendlich auch den westlichen Machtanspruch in der Region.  

Reaktionen auf Orientalismus 

Saids Infragestellung der europäischen Wissensproduktion, die wiederum mit dem kolonialen Machthunger des Kontinents verknüpft war, wurde vielfach rezipiert, kritisiert und adaptiert. Der Kolonialismuskritiker Samir Amin beispielsweise griff in Eurozentrismus (1988) Saids Thesen auf. Doch er befand, dass Said in manchen Aspekten nicht weit genug ginge, in anderen hingegen zu weit.

Edward Said, 1996. 
©ULF ANDERSEN/Ulf Andersen/Aurimages via AFP

Said war nicht der erste, der sich mit der Darstellung des Orients durch den Westen auseinandersetzte. Als Beispiel nennt Lale Diklitaş in einem Artikel in der Zeitschrift ya3ni das Werk Europe Knows Nothing about the Orient. A Critical Discourse (1872-1932) von Zeynep Çelik. Hier sammelt die Herausgeberin Texte von türkischsprachigen Intellektuellen aus dem Untersuchungszeitraum, die die europäische Darstellung des Ostens fragwürdig fanden. Çelik wolle so laut Diklitaş „Stimmen des Widerstandes sichtbar“ machen. Die Region war also keineswegs passiv im Anbetracht des okzidentalen Allwissensanspruchs. Çelik gehe es jedoch nicht darum, die Bedeutung von Saids Werk für den kritischen Diskurs zu schmälern. Vielmehr könnten die von Çelik gesammelten Texte „vor dem Hintergrund seiner Arbeit besonders gut erfasst werden“ so Diklitaş. 

Saids Vermächtnis 

Das Vermächtnis von Saids Werk ist offensichtlich: Studierende der Islamwissenschaft und verwandter Fachrichtungen begegnen der Studie im Laufe ihres akademischen Lebens früher oder später und kommen nicht umhin, sich mit der Geschichte ihres Studienfachs kritisch auseinander zu setzen. 

Das war im Übrigen die Hoffnung, die Said am Ende seines Werkes selbst hegte: Die Macht der orientalistischen Ideologie könne hinterfragt werden, indem man die Entwicklung nutze, „dass im 20. Jahrhundert so viele Völker der Erde zum politischen und historischen Selbstbewusstsein erwacht sind“. Der Literaturwissenschaftler selbst sah seine Studie als „bescheidenen Beitrag“ und „Warnung“.

Diese sollte, übersetzt in fast 40 Sprachen, in zahlreichen akademischen Disziplinen Einzug halten. Said trägt so auch 45 Jahre nach der Veröffentlichung von Orientalismus und 20 Jahre nach seinem Tod zur Weiterentwicklung der wissenschaftlichen Diskurse und einem veränderten Blick auf die SWANA-Region bei. 

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