Rabia al-Adawiyya: Die bekannteste islamische Mystikerin
Bei religiöser #Mystik denken Christ*innen vielleicht an Thomas von Aquin oder Hildegard von Bingen. Auch der Islam hat eine mystische Dimension, den #Sufismus. Eine Frau prägte ihn ganz besonders. Ihr Name: Rabia al-Adawiyya. #rabiaaladawiyya
Ein asketisches Leben
Ihr Leben könnte legendenartiger kaum sein. Das liegt vor allem daran, dass über das Leben der Rabia al-Adawiyya zahlreiche Legenden existieren, deren Realitätsgehalt nicht eindeutig ist. Dennoch bleibt kein Zweifel, welch großen Einfluss die islamische Mystikerin auf den Sufismus hatte.
Geboren wurde sie Ende des ersten islamischen Jahrhunderts (entspricht dem frühen 8. Jahrhundert n. Chr.) in eine arme Familie im irakischen Basra, sie soll schon früh ihre Eltern verloren haben. Durch eine Dürrekatastrophe in Basra wurde sie von ihren Geschwistern getrennt, landete in der Sklaverei, kam wieder frei und führte ein asketisches Leben. Dies war für die frühen Sufis üblich, oft bewegt durch die Furcht vor der eigenen Sünde. Al-Adawiyya starb schließlich im Jahre 801 n. Chr.
Die Asketin, die sich laut der Encyclopedia of Islam durch ihre „Jenseitigkeit“ auszeichnete, hinterließ kein schriftliches Vermächtnis. Einem Artikel über sie in Al Jazeera zufolge war dies bei den ersten Sufis häufig so, eben aufgrund ihrer Entsagung von dieser Welt.
Die göttliche Liebe im Sufismus
Der Islamwissenschaftler und Sufismus-Experte Raid Al-Daghistani ordnet gegenüber ORIENTierung Rabia al-Adawiyya, auch als Rabia von Basra bekannt, in die erste Phase des Sufismus ein: die der „charismatischen Wanderderwische und Wüstenprediger“.
Gleichzeitig verfolgte die Mystikerin einen etwas anderen Ansatz als ihre frühen Mit-Sufis. Laut der Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel war al-Adawiyya diejenige, die das Konzept der göttlichen Liebe in den Sufismus einführte – ein zentrales Element in der islamischen Mystik. Schimmel schreibt:
„Es war eine Frau, Râbi‘a von Basra (gest. 801), die in die asketische Furcht erstmals den Gedanken der reinen Gottesliebe einführte und lehrte, man solle Gott weder aus Furcht vor der Hölle noch aus Hoffnung aufs Paradies anbeten, sondern einzig und allein um Seiner unendlichen Schönheit willen.“
Legenden über Rabia al-Adawiyya
Zu den Geschichten, die man über Rabia al-Adawiyya erzählt, gehört beispielsweise folgende Anekdote: So soll man sie mit einem Eimer Wasser in der einen, einer Fackel in der anderen Hand gesehen haben. Auf die Frage, was sie da tue, soll sie geantwortet haben:
„Ich will Wasser in die Hölle gießen und Feuer ans Paradies legen, damit diese beiden Schleier verschwinden und niemand mehr Gott aus Furcht vor der Hölle oder in Hoffnung aufs Paradies anbete, sondern nur noch um Seiner ewigen Schönheit willen.“
In Gebeten und Gedichten, die von Rabia al-Adawiyya stammen sollen, ist die von Schimmel genannte Liebe ein zentrales Moment. Besonders berühmt ist ein Gedicht al-Adawiyyas, in dem es heißt: „Ich liebe dich auf zweierlei Weise, mit Leidenschaft und mit Achtung vor deinen Verdiensten“ (Übersetzt von Khalid Al-Maaly und Heribert Becker).
Bis heute währen die Überlieferungen zu Rabia al-Adawiyya und ihr Einfluss auf andere Sufis fort. Etwa der berühmte Al-Ghazali (gest. 1111 n. Chr.) beschäftigte sich mit ihrem Werk. Auch wenn schriftlich von ihr nichts bleibt, lebt die sagenumworbene Mystikerin aus Basra somit in ganzen Generationen von Sufis fort.