Was ist die islamische Mystik? – Interview mit Dr. Raid Al-Daghistani
Vielleicht hast du schon Bilder von tanzenden Derwischen aus der Türkei gesehen. Sie sind ein Beispiel für den Sufismus, die islamische Mystik. Doch wie ist diese entstanden und was zeichnet sie aus? Dr. Raid Al-Daghistani gibt einen Einblick in die komplexe und reiche Tradition des Sufismus. #sufismus #islam #mystik
Was bedeutet Sufismus und wie entstand er?
Bezüglich der Wortherkunft des Wortes „Sufismus“, auf Arabisch taṣawwuf, erklärt Al-Daghistani, dass es drei Haupterklärungsversuche gibt:
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Herleitung von ṣūf, dem arabischen Wort für Wolle. Dieser Erklärungsversuch beruht darauf, dass die frühen muslimischen Asketen Gewänder aus Wolle trugen.
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Herleitung von ṣafāʾ, z. Dt. „Reinheit“. Damit ist vor allem die spirituelle Reinheit oder Läuterung gemeint.
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Herleitung von ṣaff, übersetzt „Reihe“, da Gott den ersten Rang im Herzen eines Sufis einnimmt.
Grundsätzlich fasst Al-Daghistani den Sufismus als einen „Läuterungs- und Erkenntnisweg im Islam“ auf, bei dem die Erkenntnis Gottes (maʿrifat Allah) das Ziel ist. Die Entstehung des Sufismus teilt Al-Daghistani in drei Hauptphasen ein:
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Die Phase der charismatischen „Wanderderwische“ und „Wüstenprediger“ (7.-9. Jahrhundert): Wichtige Persönlichkeiten aus dieser Phase waren Hasan al-Basri, Rabia al-Adawiyya, Ibrahim ibn Adham, Dhu al-Nun al-Misri, Bayazid Bistami oder al-Dschunaid.
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Die formative Phase (10.-11. Jahrhundert): Damals entstanden bedeutende sufische Schriften. Al-Daghistani nennt als wichtige Werke Die Nahrung der Herzen von Abu Talib al-Makki, Die Schlaglichter über das Sufitum von Abu Nasr al-Sarraj, Das Sendschreiben über das Sufitum von Abu al-Qasim al-Quschairi oder Die Enthüllung des Verborgenen von Ali Ibn Uthman al-Hujwiri.
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Die Phase der „Kumulation des sufischen Wissens“: Als herausragende Figur für diese Periode nennt Al-Daghistani den bekannten Mystiker al-Ghazali. In diesem Zeitraum kam es auch zur Gründung zahlreicher Sufi-Orden.
Wie verortet sich der Sufismus im Islam?
Mit Bezug auf die Spiritualität des Sufismus betont Al-Daghistani, dass der Sufismus keine eigene Konfession darstellt. Der Sufismus ist für ihn „vereinfacht gesagt, die spirituelle mystische Dimension der islamischen Religion“. Versuche, den Sufismus vom Islam abzukapseln, hält Al-Daghistani für so absurd, „als ob man den Fluss von seiner Quelle trennen wollte.“ Schließlich entstand der Sufismus aufgrund der vertieften Kontemplation über den Koran. Außerdem nennt Al-Daghistani eine Überlieferung des Propheten Muhammad bezüglich der drei Dimensionen der Religion: Islam, Iman und Ihsan. Ihsan würde in den islamischen Diskursen oft mit dem Ziel des Sufismus, Gott näher zu kommen, gleichgesetzt.
Grundsätzlich zeichne sich der Sufismus erstens durch die „Voranstellung der unmittelbaren Erfahrung Gottes“ aus. Gemeinsamer Nenner sämtlicher sufischer Gruppen sei zweitens das Dhikr, das rituelle Gottgedenken, etwa durch die Invokation der Namen Gottes. Ein dritter wesentlicher Bestandteil bestehe in der spirituellen Deutung des Korans. Grundsätzlich hebt Al-Daghistani hervor, dass es durchaus eine „Vielfalt innerhalb der Einheit des Sufismus“ gebe.
Der Gast: Dr. Raid Al-Daghistani
Dr. Raid Al-Daghistani studierte sowohl Philosophie als auch islamische Theologie. Seinen Master machte er in Arabistik und Islamwissenschaft an der Uni Münster, 2017 folgte die Promotion. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen unter anderem der Sufismus oder auch die mystische Theologie im Islam. Er arbeitet als Postdoc und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Islamische Theologie in Münster und schreibt zurzeit seine Habilitation zum Thema der mystischen Theologie im Islam.