Meister der Sinne
Spider-Man, The Incredible Hulk, die Fantastic Four – wie die Origin-Stories jener Helden des Silver Age unterstreichen, warfen die 60er das narrative Brennglas auf das heikle Thema der Radioaktivität. Mit dabei: Daredevil, der dank der Stan Lee, Bill Everett und eines beratenen Einflusses von Jack Kirby 1964 seinen ersten eigenen Comic erhielt. Wie soeben genannte Helden "verdankt" er seine Kräfte strahlender Einflüsse. Ein radioaktiver Unfall nimmt ihm das Augenlicht und stärkt seine anderen Sinne. Kuriosum am Rande: Ursprünglich hatte er ein gelbes Kostüm. Mittlerweile ist sein schlichtes rotes Gewand zum unübersehbaren Markenzeichen geworden.
Facetten der Martial Arts
Matthew Michael Murdoch ist sein eigentlicher Name. Dabei ist er ausgebildeter Rechtsanwalt. Doch seine heroischen Glanzlichter setzt er als Superheld Daredevil. Gemeistert hat er die Facetten der Martial Arts, von Ninjutsu über Judo und Aikido bis zum klassischen Ringen. Im Kontrast zu seiner Blindheit sind seine vier anderen Sinne übermenschlich geschärft. Frank Miller machte Ende der 70er seinen Einfluss geltend, als er die Heldenkräfte weiter verfeinerte – von der übernatürlichen Intuition über die Fähigkeit des blinden Lesens bis zu den verbesserten Radarsinnen. Er kann seine Umgebung im 360-Grad-Winkel sinnlich wahrnehmen und überbietet so die übernatürliche Sinneskraft eines Spider-Man. Große Filme hat der Held im MCU noch nicht spendiert bekommen. Dafür fällt er vor allem durch seine prominenten Serienauftritte auf.
Vom Film- zum Seriendebüt
Auf der Leinwand und auf den Bildschirmen trat der rotgekleidete Held lange gar nicht – und dann bloß als Nebenfigur auf. Eine erste kleine Rolle hatte er in der Animationsserie Spider-Man and his Amazing Friends (1981-1983). Auftritte als Nebenfigur kamen ihm auch im Fernsehfilm The Trial of the Incredible Hulk (1989), in der Animationsserie Fantastic Four (1994-1996) sowie in Spider-Man: The Animated Series (1994-1998) zu. Es sollte bis 2003 dauern, bis sein Heldenantlitz auf der Leinwand zu sehen war: mit Ben Affleck in der Rolle des Daredevil im gleichnamigen Film von Mark Steven Johnson. Das Filmwerk löste jedoch unter vielen Fans Skepsis aus, konnte sein Drehbudget von 78 Millionen Dollar jedoch an den Kinokassen jedoch mehr als verdoppeln.
Neue Aufmerksamkeit für den Marvel-Helden generierte schließlich die Netflix-Serie mit gleichem Titel, die zwischen 2015 und 2018 erstausgestrahlt wurde. In der Hauptrolle: Charlie Cox, ergänzt durch ein namhaftes Cast von Deborah Ann Woll, Elden Henson, Rosario Dawson, Jon Bernthal und Co. Erzählerisch eingelassen ist die Serie in die narrative Welt des Marvel Cinematic Universe (MCU). Dabei taucht die TV-Produktion sowohl in die Facetten des Anwalt- wie des Superheldendaseins ein. Die relative Nähe zum Originalmaterial und die Mischung aus Grit und Action wurde von Kritikern mit positiven Bewertungen belohnt.
Als Daredevil zu scheitern drohte
Als gegen 1979 Frank Miller das Ruder übernahm, stand die Comicreihe kurz vor ihrem Ende. Miller überarbeitete das Konzept, verfeinerte des Protagonisten Spektrum an Fähigkeiten und gab der Serie einen neuen erzählerischen Glanz. Der Held wurde zum Antihelden, Kingpin zur neuen Nemesis. Zu den namhaften Miller-Publikationen zählen Last Hand (1981), Roulette (1982) sowie The Man without Fear (1993-1994). Die teils kontrovers aufgenommenen Änderungen hauchten dem Marvel-Helden, der als Kreation zu Beginn nie wirklich mit der Popularität eines Spider-Man oder Hulk mithalten konnte, neues Leben ein. Die Verkaufszahlen der Comics stiegen wieder. Mittlerweile ist Daredevil ein fundamentaler Bestandteil des Marvel-Kanons, eine Comic-Kernfigur von den Marvel-Panels bis zum MCU.
Eine faszinierende Note seiner Comicgeschichte sind die vielen Crossover. Nicht nur taucht er regelmäßig als guter Freund von Spider-Man in dessen Publikationen auf, in Werken wie Daredevil/Batman: Eye for an Eye (1997) überschneiden sich die Erzählkosmen von Marvel und DC. Mittlerweile sind unzählige Facetten von Daredevil beleuchtet, in Comics, die sich mit bösen Doppelgängern, seinem Leben als Ehemann oder gar der Rückkehr seines Augenlichts beschäftigen. Dank Frank Miller und der Netflix-Produktion konnte der zwischenzeitlich immer wieder in die Obskurität abgleitende Held prominente Revivals feiern. Dabei hat er nie die konstanten Höhen der Popularität von Superhelden-Zeitgenossen wie Spider-man oder Hulk erlangen können – und dennoch einen Platz an ihrer Seite im Marvel-Kanon verdient.
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