Odyssee

Der Sad Girl-Trend: Warum es problematisch ist Depressionen zu romantisieren

Der Sad Girl-Trend: Warum es problematisch ist Depressionen zu romantisieren

Traurige Zitate auf Instagram, dramatisch emotionale Breakdowns auf TikTok festgehalten. Der Sad Girl Trend ist schon lange auf Social Media und in der Pop Kultur angekommen. Aber was ist überhaupt der Sad Girl Trend und warum ist er so problematisch? #sadgirltrend #tiktok #billieeilish #lanadelrey

Lana Del Rey mit Summertime Sadness, Billie Eilish mit Idontwannabeyouanymore oder die Teen Serie “Euphoria” alle haben eins gemeinsam: Traurigkeit wird ästhetisch oder glamourös dargestellt und sogar als etwas Erstrebenswertes inszeniert.  

Was ist der Sad Girl Trend?

Depressionen oder Trauer schön darzustellen, das ist der Grundstein der “Sad Girl-Bewegung". Angefangen hat dieser Trend 2010 auf der Social Media-Plattform Tumblr. Heute finden die Postings meistens auf Instagram und TikTok statt. Weinende Mädchen, traurige Zitate und melancholisch inszenierte Bilder und Videos, sei es in Musik, Film oder Kunst: Die Vermarktung von Depressionen und Traurigkeit ist schon lange eine gute Marketingstrategie. Unter dem Hashtag #sadgirlclub werden auf Plattformen wie TikTok beispielsweise Filmszenen zusammengeschnitten, in denen weibliche Charaktere weinen oder niedergeschlagen sind. Oder User filmen sich gleich selbst beim Weinen. Aber woher kommt dieser Trend überhaupt und was ist so problematisch daran, Traurigkeit zu romantisieren? 

Was sagen Psycholog*Innen?

Psychologin und Neurowissenschaftlerin Prof. Dr. Maren Urner sagte in einem Interview mit dem YouTube-“Brust Raus" „Die größte Gefahr beim Darstellen von psychischen Krankheiten besteht darin, dass es häufig zu einer Dramatisierung und einer Vereinfachung kommt, die der Komplexität dieser Krankheiten nicht gerecht wird. Damit meine ich, dass dadurch die Äußerungen einer Depression oder anderen psychischen Krankheiten in Schubladen gesteckt werden und diese nicht wirklich so dargestellt werden, wie sie in der Realität auch sind.“  

Traurige Frauen als Stilmittel der Kunst

Das Darstellen und Romantisieren von traurigen und deprimierten Frauen hat allerding eine längere Tradition. Tragische Schicksale von Frauen sind in der Literatur und Kunst schon immer ein beliebtes Stilmittel gewesen. So schrieb der Schriftsteller Edgar Ellen Poe beispielsweise: „Der Tod einer schönen Frau ist ungefragt das Poetischste auf der Welt.“ Auch Frauen in Stücken von Shakespeare hatten oft ein tragisches Schicksal, welches oft mit dem Selbstmord der Frauen endete. In der Kunstgeschichte werden häufig sterbende oder bereits tote Frauen dargestellt, dabei meistens weiße, einem idealisierten Schönheitsbild entsprechenden Frauen.  

Elisabeth Bronfen ist Kultur- und Literaturwissenschaftlerin und Buchautorin, sie hat sich in ihrem Buch „Nur über ihre Leiche“ damit beschäftigt, warum Menschen von toten Frauen so fasziniert sind. Einerseits, so die Autorin, wird der Tod durch die Darstellung einer jungen, schöne Frau beschönigt, gleichzeitig soll es auch mit kultureller Rache zusammenhängen. Denn Eva, die als einleitende Frauenfigur in der Bibel dient, wird als Sündenfall angesehen.  

Ästhetik der Sad Girl-Bewegung

Traurige Frauen spielen aber nicht nur in der Kunst eine große Rolle, sondern auch in der Musik. Interpretinnen wie Lana Del Rey haben mit Alben wie „Born to die“ eine ganz bestimmte Ästhetik der Sad Girl-Bewegung bedient. In den Texten und Musikvideos werden häufig melancholische, traurige Texte visualisiert, die die Sehnsucht nach einem starken, „errettenden“ Mann verinnerlicht. Aber auch Zeilen wie „I wanna end me“ oder „I´ll try not to starve myself“ von Billie Eilish tragen zum glorifizierten Bild des traurigen, verletzten Mädchens bei. Mit Rollen wie Cassie aus „Euphoria“ oder Zeilen wie „He hit me and it felt like a kiss“ von Lana Del Rey werden toxische und gewalttätige Beziehungen - insbesondere mit Männern - als eine Charaktereigenschaft und wünschenswert abgebildet.  

Die Jungfrau in Not

Girls Life Magazin schreibt dazu: „Das traurige Mädchen nimmt eine verherrlichte Anziehungskraft an, was dazu führt, dass sich viele Teenager in ein tieferes Loch von psychischen Erkrankungen und toxischen Beziehungen graben und sie diese Gefühle eher als „cool“ statt besorgniserregend ansehen. Die Tatsache, dass die Mehrheit der dargestellten Sad Girls aus weißen Promis besteht, ist ziemlich aufschlussreich und bildet eher ein rassistisch belastetes Schönheitsideal ab. Es ist fast so, als ob das traurige Mädchen nur veraltete Ideale der Zerbrechlichkeit und der Jungfrau in Not sein könnte, neu verpackt in einem glänzenden neuen Modell.“ Das “Jungfrau in Not -”Stereotyp ist ein häufiges Stilmittel von Filmen und Märchen, in denen eine männliche Hauptfigur die Frau kühn und selbstlos errettet.  

Über Trauer und psychische Erkrankungen zu sprechen, und sie durch Kunst auszudrücken, ist wichtig, um diese komplexen Themen stärker in öffentlichen Diskursen zu verhaften. Jedoch ist es genauso wichtig, Kunst, die Trauer lediglich vermarktet, entsprechend zu reflektieren. Depression und Traurigkeit sollten realistischer und nicht beschönigender dargestellt werden - und nicht nur einer Ästhetik oder Glorifizierung dienen.  

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