Thanos: Philosophie und Psychologie eines wahnsinnigen Titans
Von der Mythologie in die Comicwelt
In der antiken griechischen Mythologie gilt Thanatos als Gott des Todes. Sein Name wurde später in der Psychoanalyse Sigmund Freuds aufgegriffen und dem Eros gegenübergestellt: der konkurrierende Lebenstrieb (Eros) und der Todestrieb (Thanatos).
Vor diesem Hintergrund verwundert es wenig, dass der Comicautor und -zeichner Jim Starlin - ebenso Schöpfer von Drax the Destroyer und Gamora - laut eigenen Aussagen Thanos zwischen seinen Psychologieklassen im amerikanischen College entwarf. Das Konzept von Thanatos liefert die Grundkoordinaten, um den ultimativen Bösewicht von Marvel zu verstehen. Dabei ist der Gegenspieler der Avengers, der auch unter dem Spitznamen Mad Titan oder Wahnsinniger Titan bekannt ist, vergleichsweise neu.
Er zeigte sich innerhalb der Marvel Comics zum ersten Mal 1973 in The Invicible Iron Man #55. Das mag für uns ein langer Zeitraum sein, doch Starlins Schöpfung entstand damit erst im Bronzenen Zeitalter der Comics, weit später als berühmte Bösewichte wie Red Skull (1941), Doctor Doom (1962), Loki (1962), Galactus (1966) oder Ultron (1968). Seine umfangreiche Backstory wurde vielen passionierten Comiclesern erst dank des Marvel Comics Thanos Rising (2013) bekannt. Und in jener Vorgeschichte zeigt sich eine erste Parallele zu Jim Starlins Psychologieklassen: der Bruder des Wahnsinnigen Titans ist der Titan Eros, auch bekannt als Starfox, der sich später den Avengers anschließt.
Die Mächte des kosmischen Warlords
Der Charakter Mad Titan war nicht nur Starlins Echo auf die antike Mythologie und Psychologie, er ist auch eine Reminiszenz an die New Gods aus den DC Comics. Sein Aussehen erinnert dabei deutlich an Darkseid, dem interstellaren Bösewicht von Jack Kirby. Jim Starlin hat seine Inspiration durch die New Gods, die 1971 in DC Comics starteten, nie verhohlen. Sein Antagonist wurde als Sohn zweier Eternals geboren: von A'lars und Sui-San. In sich trägt er allerdings auch die Gene der sogenannten Devianten, menschenähnlichen kosmischen Gestaltwandlern. Aus der Mischung von Eternal- und Deviantengenen speist sich seine außerordentliche Kraft. In ihr liegt allerdings auch sein frühes Leid, denn sein violettes Antlitz und bulliges Aussehen war die Ursache von Verhöhnungen. Mad Titan macht so eine schrittweise Entwicklung vom friedliebenden Jugendlichen zum ultimativen Marvel-Widersacher durch.
Weibliche Verkörperung des Todes
Eine Schlüsselrolle spielt dabei seine Mutter. Denn als sie seinen Anblick zum ersten Mal wahrnimmt und sein Potenzial für das Abgründige spürt, will sie ihn vernichten. Eine Schlüsselrolle spielt auch der Tod – ein weiteres Echo der antiken Mythologie und Psychoanalyse Freuds. Denn in den Marvel Comics entwickelt der Mad Titan eine Obsession mit der weiblichen Verkörperung des Todes, die er aus Liebe fortan beeindrucken will. Todeslust, Nihilismus und Zerstörungswut gehören fortan zu seinem Modus Operandi. Zum Superlativ unter den Bösewichten ist der Mad Titan dank seiner Kräfte geworden. Dabei braucht er keinen Infinity Stone oder Cosmic Cube, um zu den stärksten Wesen des Kosmos zu gehören.
Dank seines Körpers hat er eine übermenschliche Kraft, selbst stärker als die originalen Varianten von Thor und Incredible Hulk. Damit einher geht eine extreme Robustheit. Weder ein Schwarzes Loch oder eine Planetenexplosion können ihn von sich aus zerstören. Ähnlich wie Grandmaster kann er zudem Materie und Energien manipulieren. Dazu kommt seine überdurchschnittliche Intelligenz inklusive akademischer Erfolge. Thanos ist auf den ersten Blick der perfekte Widersacher für die Marvel-Helden. Selbst Hulk und Silver Surfer sind vor seiner Macht nicht geschützt.
Thanos, die Infinity Stones und seine Philosophie
Zwischen Juni und Dezember 1991 erschien im englischsprachigen Original eine Reihe von Marvel Comics mit dem Titel The Infinity Gauntlet. Sie legt den Grundstein für die Erzählung um die Bestrebungen des ultimativen Bösewichts, die sich in den MCU Verfilmungen von The Avengers (2012) bis zu Avengers: Infinity War (2018) und Avengers: Endgame (2019) ausbreitet. Doch die Motivation des Marvel-Widersachers, im MCU unter anderem gespielt von Josh Brolin, unterscheidet sich in den Filmen teils deutlich zwischen jenen im Comic.
Ursprünglich vom Tod besessen, speist sich sein Interesse an Zerstörung im MCU stattdessen aus der Sehnsucht nach Balance und Ordnung. Überbevölkerung, Ressourcenvernichtung und die chaotische Freiheit der Lebewesen haben das Universum aus seiner Perspektive an den Rand es Kollaps geführt. Seine radikale Antwort ist die Auslöschung der Hälfte aller Lebewesen. Er überbietet mit dieser Zerstörungswut Red Skull und Co., doch seine Motivation und Philosophie erscheint weniger schwarz-weiß wie im Fall von Red Skull als Verkörperung des absolut Bösen. Das Begehren nach Balance und Ordnung hat eine nachvollziehbare Logik, doch die Methoden des Vaters von Nebula und Adoptivvaters von Gamora lassen ihm zum ultimativen Antagonisten des Marvel-Kosmos werden. Auf seiner Zerstörungstour macht er weder bei seinen Eltern, noch bei seinem Nachwuchs oder bei den Titanen und auch nicht bei der Hälfte aller Lebewesen Halt. Thanos ist so der natürliche Gegenspieler der Avengers, welche Leben retten und das Universum konservieren möchten.
Foto: Marvel Studios / Disney