Roger von American Dad: Alter Egos eines androgynen Aliens
Außerirdisch, androgyn, pomosexuell – Roger von American Dad gehört zu den erinnerungswürdigen Figuren der animierten US-Serienlandschaft. Würde man seine ganzen Lebensjahre zusammenzählen, müsste man 1600 Kerzen anzünden, wie in der Folge 1600 Candles (Episode 59, 2008) abgehandelt. 1947 strandete jener Außerirdischer per UFO-Bruchlandung in Roswell auf der Erde. Statt zu einer intergalaktischen Klischeefigur zu werden, stellt American Dad mit Roger klassische Sci-Fi-Tropen auf den Kopf: Roger ist stattdessen einer der wandlungsfähigsten Charaktere im gegenwärtigen Animationsfernsehen. Zur Satire der Serie tragen vor allem seine unzähligen Personas bei – ob der exzentrische Kopfgeldjäger Horse Renoir, der ahnungslose Psychiater Dr. Penguin, der stets hinterhältige Ricky Spanish sowie die exzentrische Fusion zwischen Hochzeitsplanerin und Sexarbeiterin namens Jeannie Gold.
Eingebettet ist das Alien Roger in die abgedrehte Erzählwelt von Seth MacFarlane sowie seiner kreativen Kollaborateure Mike Barker und Matt Weitzman, welche die Pilotfolge von American Dad 2005 der Weltöffentlichkeit präsentierten. Die Serie teilt ein fiktionales Universum mit Family Guy, welches 1999 ebenfalls dank Seth MacFarlane debütierte und seitdem einige Cameos von Roger verzeichnete. Statt um die Griffins geht es darin um die Familie Smith, die das amerikanische Mittelklasse-Leben mit humoristischen Volten in ein unterhaltsames Antlitz gießt. Dabei tanzt die Serie gekonnt zwischen Situationskomödie und Farce, gewürzt mit wohl-getimter Satire und gelegentlicher Gesellschaftskritik. Ein steter Lieferant erzählerischer und humoristischer Höhepunkte ist dabei Roger, das wandlungsfähige und vorlaute Alien.
Entertainer from Outer Space
Über 360 Episoden bringt das Format mittlerweile auf den Tacho, und gehört mit seinen 20 Seasons mittlerweile zu den etablierten Serienformaten der US-amerikanischen Serienlandschaft. Seit 2005 haben sich nicht nur Seth MacFaclane und seine Schwester Rachael MacFarlane im amerikanischen Original als Synchronsprecher die Ehre gegeben, regelmäßig tauchen auch Scott Grimes (Robin Hood, Oppenheimer, The Orville) und Patrick Stewart (Star Trek: The Next Generation, X-Men) auf. Die Schlüsselfiguren des Vaters Stan Smith und Roger werden von Seth MacFarlane selbst gesprochen.
Seth MacFarlane gab einst zu, dass American Dad für ihn erst den Charakter eines Nebenprojekts hatte. Mit fortschreitenden Seasons gelang es den Serienschöpfern allerdings, eine eigene Identität zu entwickeln, die sich von Family Guy und Co. unterschied. Eine Schlüsselrolle spielte dabei der Facettenreichtum des Charakters Roger. Bekannt für sein hedonistisches Leben fernab traditioneller Normen, verliert er sich in Affären, Drogenexzessen und wilden Gelagen. Dabei entstehen einige der unterhaltsamsten Episoden der Serie. Darunter die Jubiläumsfolge The Two Hundred (Episode 200, 2016), in der 200 von Rogers Personas die Apokalypse auslösen. Oder die Hommage aus Episode 250 (2019), in der es die Aufgabe von Stan ist, Rogers Personas zu imitieren. Die Figur wird so direkt oder indirekt immer wieder zum Katalysator für satirische, aber auch ernstere Momente in American Dad.
Facetten der Gesellschaftskritik
Dass unter der humoristischen Oberfläche von American Dad auch ernstere Töne verborgen liegen, unterstreicht das große Serienvorbild All in the Family (1971-1979), in welchem bereits der Culture Clash zwischen Konservativismus und Liberalismus in den Vordergrund rückte. American Dad ist von vornherein als eine Parodie auf den US-Patriotismus angelegt - vom Sicherheitswahn über ungezügelte Kapitalismusgläubigkeit bis zum anglozentrischen Überlegenheitsglauben. Auch der immer aktuelle Konflikt zwischen Konservativismus und Liberalismus tritt im Verhältnis zwischen dem reaktionären Vater Stan und der weltoffenen Tochter Hayley hervor. Die Serie macht sich dabei nicht nur optisch, sondern auch inhaltlich die artistische Überzeichnung der Animationskunst zu eigen – wie es bereits verwandte Serien wie The Simpsons oder Family Guy vorgemacht haben.
Die Animationsserie hat über die fast 20 Jahre ihrer Existenz kulturelle Spuren hinterlassen. Erinnerungswürdig sind die Crossover mit anderen seriellen Werken wie Family Guy, The Cleveland Show, King of the Hill und gar ein Cameo von Bart Simpson in Season 10, der Episode Faking Bad (2013). Obwohl eine zwischenzeitliche Filmadaption ins Wasser fiel und die Einschaltquoten nicht ganz an die Höhepunkte der ersten Staffeln heranreichen, wurden im Jahr 2022 bereits Staffel 20 und 21 für die Zukunft angekündigt. Das Animationsspektakel von Seth MacFarlane und Co. ist also längst nicht am Ende. Wie immer mittendrin: Die abgedrehten Personas von Roger, dem Alien.