Persepolis: Die Geschichte eines iranischen Lebensschicksals
Persepolis gehört zu den Glanzstücken unter den modernen Frankobelgischen Graphic Novels. Es ist die kunstvoll gestaltete Autobiographie von Marjane Satrapi.
Auch mehr als 40 Jahre nach der Islamischen Revolution im Iran und 20 Jahre nach Erstveröffentlichung bewahrt die Publikation Persepolis erschreckende Aktualität. Das Werk taucht ein in die biographischen Erinnerungen der französisch-iranischen Comickünstlerin Marjane Satrapi, deren Lebensweg von den Geschichtsereignissen im Iran wesentlich beeinflusst wurde. Persepolis erzählt eine Geschichte der Flucht und Emanzipation: Die Protagonistin wächst gegen 1980 in Teheran auf, wird Zeugin der Islamischen Revolution und des 1. Golfkriegs – und flieht schließlich aus einem Leben der Indoktrination in den Westen. Graphic Novel wie Animationsfilm gelten heute als exzellente Exemplare ihrer jeweiligen Kunstgattungen. Auch, weil hier mehr als nur Kunst dargestellt wird.
Ursprünglich erschien Persepolis zwischen 2000 und 2003 in vier Bänden, im französischen Verlag L'Association. Visuell und strukturell inspiriert wurde das Werk von Art Spiegelmans mehrfach ausgezeichneter Graphic Novel Maus – Geschichte eines Überlebenden (1980-1991). Persepolis ist allerdings der Tradition der Frankobelgischen Comics zuzurechnen, dort auch bekannt als Bandes dessinées oder als neunte Kunst (neuvième art). Jenen französisch-belgischen Publikationen sind nicht nur Tim & Struppi, Spirou, Asterix, die Schlümpfe, sondern eben auch ernstere Werke wie Persepolis zuzuschreiben. Über eine Million verkaufte Graphic Novels und ein oscarnominierter Animationsfilm sprechen ihre eigene Sprache.
Ein Animationsfilm nah am Original
Die Filmadaption erschien 2007, wurde als Best Animated Feature bei den 80. Academy Awards nominiert – und gewann zusammen mit Silent Light den Jurypreis des 60. Cannes Film Festivals. Ungewöhnlich ist die direkte Beteiligung von Marjane Satrapi am Film: Die Autorin konnte sich so – anders als viele andere Comickünstler - erfolgreich als Regisseurin beweisen. Die internationale französisch-iranische Koproduktion wurde trotz eines vergleichsweise geringen Budgets von etwa 7 Millionen Dollar zu einem Kritikerliebling. Dabei blieb man bei den animierten Bildern nah am Schwarz-Weiß Stil der Graphic Novel.
Comic wie Film sind im simplen, aber kunstvoll gestalteten Schwarz-Weiß gehalten, dabei lässt Satrapi die intensiven Bilder zuweilen für sich sprechen, ohne großen Textzusatz. Die simplen Bilder richten den Fokus auf das erzählerisch Wesentliche und hüllen die Erzählung durch die Abwesenheit von Farbe in eine nötwendige visuelle Schwere. Bereits das Vorbild, Art Spiegelmans Maus, verwendete erfolgreich diese Techniken. Die ursprüngliche Idee, den Film virtuell über Tablets mit 2D-Bildtechnologie herzustellen, wurde zum Wohl der Authentizität verworfen: Stattdessen kamen unter anderem klassisches Papier mit Tinte zum Einsatz. Zu den positiven Geschichten zählt, dass man die namhafte Produzentin Kathleen Kennedy (E.T., Jurassic Park, Star Wars: The Force Awakens) für die Filmumsetzung gewinnen konnte, die bei der internationalen Distribution half. Zurück bleibt ein eindrucksvoller Film: Nur wenige Filmdebütant*innen können ein so gelungenes Erstlingswerk vorweisen wie Marjane Satrapi - geschweige denn mit einer eigenes gezeichneten Graphic Novel als Vorlage.
Zwischen Zensur und Welterfolg
Persepolis gelingt es, die politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen im Iran des 20. Jahrhunderts aus persönlicher Perspektive verständlich zu machen. Noch heute ist die Gravitationskraft dieser Entwicklungen im Iran zu spüren. Gerade im Hinblick auf die antiautoritären Proteste, die im Jahr 2022 begannen. Dabei war Persepolis, eine Geschichte der Emanzipation vom streng-religiösen Patriachat, von einer linksintellektuellen Familie in einem repressiven System, nicht überall wohlgelitten. Bei der Publikation nahm Marjane Satrapi einige Bürden auf sich. Darunter nicht nur Zensur in dem Land, aus dem sie floh, sondern auch in Teilen der USA - wegen einiger explizit dargestellter Panels. Nicht umsonst listete die American Library Association 2014 Persepolis unter den Top Ten Most Challenged Books, den meist zensierten Büchern des Jahres.
Mittlerweile verwundert es wenig, wenn Persepolis an der Seite von Art Spiegelmans Maus auf den Listen der besten Graphic Novels auftaucht. Die eindringliche wie persönliche Geschichte aus Flucht, Emanzipation und Freiheitswille bleibt eines der besten Beispiele kunstvoller autobiographischer Graphic Novels. Auch wegen der inhaltlichen Relevanz für die Gegenwart.
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