Heldengeschichten einer ikonischen Amazone
Als 1942 die amerikanische National Organization for Decent Literature die Kritik anbrachte, Wonder Woman sei "not sufficiently dressed" und daher als obszön anzusehen, zeigte sich zugleich ihre kontroverse Notwendigkeit. Sie gilt als eine der ersten und fraglos als berühmteste Superheldin des Golden Age of Comics. William Moulton Marston, der Psychologe, der die heldenhafte Amazone zusammen mit Harry G. Peter erschuf und in All Star Comics #8 im Jahr 1941 debütieren ließ, war bekennender Feminist. Der Exzentriker, der zeitweise mit zwei Frauen in einem polyamourösen Verhältnis zusammenlebte, sah die Zukunft als Zeitalter der Frauen aufkommen, die er für moralisch überlegen hielt. Und konzipierte seine Heldin als idealisiertes Gegenbild zu Superman.
Schnelligkeit und Dynamik
Die Prinzessin der Amazonen, im Original bekannt als Princess Diana of Themyscira, entstammt der Comicvariante der antiken Mythologie. Ihre Mutter – Königin Hyppolyta – formte sie als Tonstatue. Dabei beseelen sie die antiken Götter inklusive Zeus mit Leben und übermenschlichen Kräften. Auffällig sind vor allem ihre Stärke, ihre Schnelligkeit und Dynamik sowie ihre Flugfähigkeit. Und ihre mächtigen Armschienen, die ihr ursprünglich höhere Kräfte verliehen, in einer Neuinterpretation der modernen DC Comics The New 52 jedoch ihre Kraft begrenzen. Im Alltag lebt die mächtige Amazone unter dem Decknamen Diana Prince, zwischenzeitlich hat sie eine Romanze mit Batman – in den neueren Comics gar mit Superman.
Superheldin auf der Leinwand
Gal Gadot half ab 2016 dabei, die Figur auf der Kinoleinwand wirkmächtig zum Leben zu erwecken - in Batman v Superman: Dawn of Justice. Zuvor hauchte bereits die ehemalige Tennisspielerin Cathy Lee Crosby dem Charakter in Wonder Woman (1974) filmisches Leben ein. Lynda Carter popularisierte die Figur ein Jahr später weiter durch ihre Darstellung in der Fernsehserie, die zwischen 1975 und 1979 lief. Doch die israelische Darstellerin Gal Gadot war es, die spätestens mit dem Film Wonder Woman (2017) - zusammen mit Regisseurin Patty Jenkins - die namensgebende Heldin filmisch in das 21. Jahrhundert katapultierte. Mit einem eingespielten Ergebnis von über 800 Millionen Dollar zählte der Film zeitweise die höchsten Einnahmen, die eine Regisseurin mit einem Filmwerk generieren konnte. Er sammelte generell positive Reviews, auch wenn sich die Meinung über die Darstellung des Feminismus im Werk teilten. 2020 folgte das Sequel Wonder Woman 1984, welches den Erfolg am Box Office nicht wiederholen konnte.
Feministische Aspekte einer Popikone
Der amazonenhafte und leichtbekleidete Auftritt hat seit 1941 bis heute zahlreiche Kritiken hervorgebracht – von der National Organization for Decent Literature bis zu James Cameron. Im Kontext ihrer Entstehung im Jahr 1942, präsentierte sich Wonder Woman jedoch durchaus als Figur der Emanzipation. Sowie als unanfechtbare Pionierin der Superheldinnen in der Comicwelt. Dazu gesellt sich ihre offene Bisexualität, aus dem die Comics keine Geheimnisse machen – unter anderem durch ihre Nähe zur Amazonin Kasia.
Seit Beginn hat Wonder Woman eine provokative Präsenz, die durchaus auch als Qualitätsmerkmal wahrgenommen werden kann. Der Charakter erlaubt es uns Lesern und Zuschauern zumindest, unser Verhältnis zum starken Heldinnen und zum Feminismus genauer auszuloten. Auch, wenn uns nicht alle Aspekte ihrer Darstellung gefallen mögen. Noch heute führt sie nicht ohne Grund die etablierten Listen der populärsten Superheldinnen an. Wonder Woman ist das kreative Vermächtnis des exzentrischen Feminismus von William Moulton Marston, der an einigen Stellen eine Generalüberholung benötigt, jedoch seit 1941 seine provokative und einflussreiche Wirkung nie verfehlt hat. Und das im Gewand durchaus unterhaltsamer Comics und Filme.