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Ein Requiem für das Heldentum

Ein Requiem für das Heldentum

Mitte der 80er lieferte Alan Moore mit den Watchmen eine bittere Abrechnung mit dem Superheldengenre ab. Eine Schlüsselfigur: The Comedian, dessen Abgründe sich zwischen Zynismus, Menschenfeindlichkeit und imperialistischen Dispositionen auftun. #watchmen #thecomedian #superhelden

Alles beginnt mit The Comedians Tod. Auf den ersten Seiten von Watchmen folgen Leser den verworrenen Ermittlungen über das Ableben des vermeintlichen Helden. Trotz seiner Abwesenheit ist der Charakter omnipräsent, zieht sich wie ein roter Faden durch Watchmen. Per Flashbacks und Erinnerungen seiner Zeitgenossen lernen wir seine Vergangenheit kennen. Und lernen auch, dass der Comedian eigentlich gar nicht komisch ist. Zumindest nicht im klassischen Sinn. Denn er präsentiert sich viel mehr als eine düstere Pointe der Graphic Novel. Und als genau das, was sein Zeitgenosse Rohrschach in Watchmen beschreibt: Ein zynischer Witz in einer wahnsinnigen Welt, in der alles wie ein Scherz erscheint.

Die Abgründe des Edward Blake

Alan Moore konzipierte Watchmen zwischen 1986 und 1987 als Reaktion auf eine vermehrt verkommene Welt, gezeichnet durch den Vietnamkrieg, gezeichnet durch den amerikanischen und westlichen Imperialismus, gezeichnet durch Watergate. Eine Welt, die Edward Morgan Blake alias The Comedian allegorisch repräsentiert. Moore und Zeichner Dave Gibbons haben Edward Blake dabei bewusst mit einigen Klischees versehen - zigarrerauchend, brutal sowie mit paramilitärischem Background. Dazu einige Anspielungen auf Captain America, Nick Fury und Peacemaker. Blakes offensichtlichste Superkräfte sind so banal wie plakativ: sein geübter Umgang mit Waffen und sein durchtrainierter Körper. Hinter der strahlenden Fassade befindet sich ein abgründiger Charakter, schattiert durch seine Misshandlung von Frauen bis hin zu seinen imperialistisch angehauchten Bluttaten im Vietnam und anderen Krisengebieten der Erde. The Comedian wird dadurch zu einer Schlüsselfigur in einer Graphic Novel, die eine Rechnung mit dem klassischen Superheldentum offen hat.

Wegweisendes Meisterwerk

Watchmen ist nicht irgendeine Graphic Novel, sondern ein weithin anerkanntes Meisterwerk. Moores und Gibbons bitterer und satirischer Blick auf das Superheldengenre konnte seit dem Release bedeutende Auszeichnungen absahnen. Die Graphic Novel landete gar auf der Time's "List of the best 100 Novels" – zusammen mit Werken von Ernest Hemingway, Graham Greene, George Orwell und Thomas Pynchon. Das ist für eine Graphic Novel eine außergewöhnliche Auszeichnung. Watchmen hat es 2009 dank Zack Snyder auch auf die Leinwand geschafft. Nicht unähnlich des zeitnah veröffentlichten DC-Films The Dark Knight lieferte Snyder damit eine der düstersten Superhelden-Verfilmungen ab. In die Rolle des Watchman Comedian schlüpfte dabei Jeffrey Dean Morgan (Grey's Atonomy, Supernatural). 2019 folgte die gleichnamige HBO-Miniserie. Auch mit der Graphic Novel nicht genug: Einen tieferen Einblick in Comedians Backstory liefern die Prequel-Comics Before Watchmen (2012), während die Panels von Doomsday Clock (2017-2019) die Watchmen in The New 52 und DC Rebirth der DC Comics integriert. Das regelmäßige Auftauchen von Blake unterstreicht ein weiteres Mal seine Bedeutung für das Erzähluniversum Watchmen.

Zwischen Kontroverse und Apokalypse

Who watches the Watchmen? Dieser Schlüsselsatz definiert die Graphic Novel und spiegelt Alan Moores Auseinandersetzung mit facettenreichen politischen und gesellschaftlichen Themen wider. Watchmen ist eine Abrechnung mit den klassischen Superhelden-Motiven. Der Comic ist aber auch eine Antwort auf die Ängste der 80er-Jahre – vom Reaganismus und Thatcherismus bis zum Watergate-Skandal und der Furcht vor dem alles zerstörenden Atomkrieg. Tatsächlich wird Comedians gelbes Smiley zum Symbol der Watchmen. Und zur Warnung vor der Apokalypse. Schließlich ist der berühmte Bluttropfen nicht zu vergessen, der auf dem Smiley genau dort landet, wo man auf einer Doomsday Clock die 5 vor 12 vermuten würde. 

Dabei hing das Schicksal der Comicfigur Comedian am seidenen Faden. Denn ursprünglich wollte Alan Moore alte Superhelden der DC Reihe Charlton Comics reaktivieren. Den Tod im Beginn von Watchmen sollte so eigentlich Peacemaker ereilen. Umschifft wurde die Kontroverse durch neu erschaffene Charaktere. So brachten Moore und Dan Gibbons schließlich Edward Blake aufs Papier. In Watchmen wird so nicht Peacemaker, sondern Comedian zu einem symbolischen Repräsentanten einer amoralischen und zynischen Welt. Etwa ein Jahr nachdem 1985 das Bronze Age of Comics mit seinen teils düsteren Explorationen des Superheldentums geendet war, gingen Moore und Gibbons noch weiter. Comedian präsentiert sich dabei als zynische Pointe von Watchmen, als Schlüssel zum Verständnis. Als eine eigentlich unlustige Figur, die so absurd und zynisch ist, dass sie uns den Wahnsinn einer abgründigen Welt aufzeigt. Und die Grenzen der Idolisierung von Superhelden.

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