Alltag eines Todesengels
David Finchers 2023er-Filmwerk The Killer basiert auf der französischen Comicreihe Le Tueur. Dabei verbindet beide Werke eine kompromisslose Noir-Ästhetik.
Ein eiskalter Killer wird zur Zielscheibe. Diese minimalistische Prämisse ist der Ausgangspunkt des zwölften David Fincher Films: The Killer. "I don't give a fuck" – mit diesen radikalen Worten wirft der Trailer von Finchers neuem filmischem Machwerk einen ersten Blick in die düstere Erzählwelt. Und beschreibt die emotionale Teilnahmslosigkeit eines morbiden Todesengels. Bis das Scheinwerferlicht als Konsequenz eines gescheiterten Auftragsmords auf den Mann im Schatten fällt. Es folgt eine internationale Verfolgungsjagd, in der sich der Assassine auch seinen ehemaligen Verbündeten stellen muss. Dabei ist Finchers Film von 2023 kein Original, sondern eine Adaption. Le Tueur heißt das Original, das 1998 bis 2014 in 13 Comicalben erschien.
Matz nennt sich der französische Verfasser des Originalwerks, ein Künstlername des im französischen Rouen geborenen Autoren Alexis Nolent. Zusammen mit dem Künstler Luc Jacamon realisierte er die französische Comicbuch-Reihe mit Neo-Noir-Facetten. Erstmals erschienen ist die düstere Erzählung über den namenlosen Auftragskiller im Verlag Casterman, der französisch-belgische Comics wie jene von Hergé (Tim und Struppi) verlegt. Die amerikanische Version wurde bei Archaia Studios Press veröffentlicht, welche die 13 Alben in je zwei Comicbücher aufspaltete. Anschließend ist zwischen 2020 und 2022 eine bisher vierbändige Sequelreihe zu The Killer erschienen. Ein Blick auf die makaber-düsteren Panels von Le Tueur verdeutlicht: Ein französisches Comic wie gemacht für David Fincher.
Ein Killer auf der Leinwand
The Killer sollte ursprünglich die künstlerische Wiedervereinigung von Brad Pitt und David Fincher zelebrieren. Bereits 1995 kollaborierten beide für den modernen Filmklassiker SE7EN oder Sieben erfolgreich miteinander. Doch durch den Umstieg der Produktion auf Netflix rückte der deutsch-irische Schauspieler Michael Fassbender (300, Shame, X-Men) in die Rolle des Protagonisten. Statt Pitt kehrte jedoch Andrew Kevin Walker zurück, der bereits mit den Drehbüchern zu Seven (1995), 8mm (1999) und Sleepy Hollow (1999) einen beeindruckenden kreativen Run in den 90ern hatte – und der kürzlich das Drehbuch einer Episode für Love, Death & Robots (2022) beisteuerte. Fincher hatte die Filmidee bereits 2007 in der Schublade, 2021 begannen schließlich die Dreharbeiten in Paris.
Im Stil eines actionreichen Noir-Thrillers erkundet The Killer die moralischen Abgründe eines eiskalten Auftragsmörders. Der gekonnt inszenierte Film taucht dabei auch in den morbiden Alltag ein: von der Morgenroutine, untermalt mit The Smiths-Soundtrack, über die Observation des Opfers bis zum brutalen Modus Operandi. Doch statt seines eigentlichen Ziels eliminiert der Killer eine unbeteiligte Domina, was die Handlung ins Rollen bringt. Der Jäger wird zum Gejagten. Hinter den eindrucksvollen Bildern: das junge Kameratalent Erik Messerschmidt, der 2020 für Mank einen Oscar erhielt. Untermalt wird der Film durch den finster-rockigen Soundtrack von Trent Reznor und Atticus Ross. Glamouröser als im Film ging es auf der Filmpremiere 2023 auf dem 80. Filmfest von Venedig zu.
Morbide Meditationen
Finchers Film hat etwas morbid Meditatives an sich, wenn der namenlose Killer in Atemübungen oder in seiner Lieblingsmusik versinkt. Der Film trifft zugleich viel von dem Ton, der bereits in der französischen Comicvorlage vorzufinden ist: morbide, blutig. Mit schwarzem Humor. Das gemalte Werk von Matz und Luc Jacamon gilt unter Kennern als eines der besten französischen Noir-Comics, die seit 1998 erschienen sind. Nicht umsonst wurde Le Tueur 2008 für den renommierten Eisner Award nominiert, der nicht selten Comicgrößen wie Alan Moore, Frank Miller, Neil Gaiman oder Garth Ennis vorbehalten ist.
Interessant wird der Comic vor allem dann, wenn er hinter die Fassade blickt: Wenn die eiskalte Amoral des Killers, irgendwo gefangen zwischen internationaler Politik und Verbrechen, Momenten der Einsamkeit und Orientierungslosigkeit weicht. Mehr als ein Jahrzehnt haben Comic- und Filmfans auf die Filmumsetzung von David Fincher gewartet. 2023 schließlich ist der namenlose Killer auch auf der Leinwand und bei Netflix zu sehen: Mit den düsteren Noir-Aspekten, die bereits das Comic-Original auszeichneten.
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