Wallraf-Richartz-Museum zeigt Honore Daumiers bissige Karikaturen über den Ausstellungsbetrieb
In der beispiellosen Ausstellung „Museum der Museen“ zeichnet das Wallraf-Richartz-Museum gerade die Geschichte der Kunstausstellung von der Wunderkammer bis zur KI-gesteuerten Präsentation in der Zukunft nach. Darin zu sehen auch einige Karikaturen des Franzosen Honore Daumiers, der sich über das Ausstellungspublikum lustig macht. Hier nur eine „Fußnote“, die jetzt mit der Kammerausstellung „Daumier und das Kunstpublikum – Zwischen Nackenstarre und Kunstgenuss“ genüsslich ergänzt wird.
Daumier (1808-1879) lebte in einer Zeit, als sich die französische Kunstszene – bis dahin eher eine elitäre Sache des Adels und der Reichen – dem breiten Volk öffnete. Vorangetrieben wurde diese Entwicklung durch die regelmäßigen Salons, die mit Beginn des 19. Jahrhunderts auch einer breiten Öffentlich zugänglich wurden.
Wegen Kritik am König ab in den Knast
Daumier, selber auch anerkannter Maler, machte sich aber vor allem als zeitkritischer Künstler einen Namen. In seinen Zeichnungen kommentierte er genüsslich die gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Umbrüche im Paris seiner Zeit. Wegen einer Karikatur von Bürgerkönig Louis-Philipp I. musste er sogar für ein halbes Jahr ins Gefängnis.
Über 3.000 Arbeiten veröffentlichte er in der Ein-Blatt-Satirezeitschrift „Le Charivari“ (deutsch: Katzenmusik). Ein Format, das der großzügig gestaltete Ausstellungskatalog mit allerdings 16 Seiten aufgreift. In seinen Karikaturen setzte sich Daumier immer wieder auch mit dem Kunstbetrieb auseinander, nahm alle daran Beteiligten unter die satirische Lupe – Künstler und ebenso wie die Besucher der Ausstellungen, Kritiker inklusive. 26 Beispiele - alle aus der Privatsammlung Prochnow-Seiffert – kann das Museum jetzt exklusiv zeigen. Ob sich seitdem etwas geändert hat? Nun, mit Zylinder wird heute kaum noch einer ein Museum besuchen...
Kritiker, Künstler, Besucher – alle bekommen ihr Fett ab
Es ist ein bunter, bissiger Querschnitt. Da findet ein Kritiker die Bilder herablassend „Ganz hübsch“, seinem Kollegen ist der Ekel über das Gezeigte förmlich anzusehen. Überhaupt, so ihr Urteil: „Die französische Kunst ist dem Untergang geweiht.“ Ein Künstler ist beleidigt, weil sein Bild zwischen Konkurrenten eingeklemmt wurde. Ein anderer kanzelt einen von seinem Maler-Kollegen begeisterten Besucher ab: „Du Depp von einem Bürger, hau ab!“. Grotesk verrenken sich andere den Hals, um ein Deckengemälde zu bestaunen. Zwei Besucherinnen sind eifersüchtig auf die zahlreichen Bildnisse der wohlgeformten Venus. Überhaupt: Darf darf Nacktheit ein Thema sein? Ein Besucher gähnt müde, froh eine freie Bank zum Ausruhen gefunden zu haben. Kein Wunder, dass eine Frauenskulptur sich angewidert von den Besuchermassen schüttelt.
Vor allem aber: Für viele Besucher steht nicht der Kunstgenuss im Mittelpunkt. Nicht nur den kleinen Jungen zieht es eher zur Museumsgastronomie als vor die Bilder. Schnitzel konkurrieren mit Kunst. Und so setzt Exponat 26 den konsequenten Schlusspunkt: „Was war das Beste?“ fragt ein Besucher den anderen. „Das Bier!“, antwortet der.
Natürlich gibt es auch im Wallraf-Richartz-Museum Gastronomie...
Jürgen Schön
„Daumier und das Kunstpublikum – Zwischen Nackenstarre und Kunstgenuss“ – bis 23. März 2025, Wallraf-Richartz-Museum & Foundation Corboud, Obenmarspforten, 50667 Köln. Tel: 0221 – 221 211 19, www.wallraf.museum. Öffnungszeiten: Di-So 10-18 Uhr, jeden ersten und dritten Donnerstag eines Monats 10-22 Uhr. Eintritt: 11/8 Euro, Katalog 5 Euro. Anfahrt: KVB-Bahn Linie 5, Rathaus; KVB-Bahn Linien 1, 5, 7, 9, Heumarkt. Unser Titelbild zeigt einen Blick in die Ausstellung „Daumier und das Kunstpublikum“: Die Stühle sind leider nur eine atmosphärisch stimmige Dekoration und nicht zum Ausruhen. Foto: JS