Wallraf-Richartz-Museum lädt mit „Museum der Museen“ zu einer Zeitreise ein
Die Ausstellung im Wallraff_Richartz-Musuem beginnt mit einem Igelfisch, der vor wohl 500 Jahren präpariert wurde. Und sie endet mit einem Video, in dem künstliche Intelligenz ihn zum Leben erweckt hat und er wieder schwimmen kann. Dazwischen wird auf mitreißende Geschichte in acht Kapiteln die Entwicklung der Museen erzählt – von den Wunderkammern des Mittelalters bis zu den fiktiven Museen der Zukunft, eine originelle Nabelschau inklusive.
Am Anfang also der Igelfisch. Daneben der Blick in das Miniaturmodell einer Schwangeren aus Elfenbein. Oder ein Fingerring aus Koralle. Und noch viele andere seltene Kostbarkeiten. Je exotischer das Material oder das Thema, umso beliebter als Sammlungsobjekt für Adelige, Gelehrte und Kaufleute. Sie wurden in Wunderkammern einem ausgewählten Publikum präsentiert. Ein Schaufenster für Reichtum, wissenschaftliche Neugier und Verbindungen in die weite Welt.
Hauptsache Bilder dicht an dicht
Und oft waren deren Wände dicht an dicht mit Bildern behängt. Barocke Hängung wurde das lange genannt, Petersburger Hängung ist – nach der Eremitage in St. Peterburg – die heute übliche Bezeichnung für diese Zurschaustellung. Und auch diese Vorstufen der heutigen Museen waren Motiv auf diesen Bildern, wofür die aktuelle Ausstellung beeindruckende Beispiele hat.
Als markantes Beispiel aus dieser Zeit erinnert das Wallraf-Richartz-Museum etwa an den wohlhabenden Frankfurter Konditormeister Johann Valentin Prehn, der um 1800 seine Liebe zur Miniaturmalerei in Klappkästen auslebte.
Auf den Spuren von Namensgeber Wallraf
Die Kölner Museumsgeschichte begann mit dem Sammler Ferdinand Franz Wallraf. Er verantwortete zunächst als Rektor der Universität deren Lehrsammlung. Privat sammelte er unter anderem Mineralien, Münzen, antike Marmorskulpturen und Holzschnitte – alles in beachtlicher Zahl. Nach 1800 bewahrte er sakrale Kunstwerke vor der Vernichtung durch die napoleonische Säkularisation. In Geschichtsetappe 3 wird die (vermuteten) Hängung der Sammlung in seinen Privaträumen rekonstruiert. Als er 1824 starb, erbte die Stadt diesen Schatz.
Doch erst 1861 erhielt er ein „eigenes“, nach ihm benanntes Museum. Davor wurde seine Sammlung im Wallrafianum im Kölnischen Hof der Öffentlichkeit präsentiert. Denn Kunst anzusehen war kein Privileg mehr von Oberschicht und Künstlern, sondern wurde der breiten Bevölkerung zugänglich gemacht. Wie es in dessen Ausstellungssälen aussah, zeigt ein Aquarell der Britin Mary Ellen Best, die auf ihrer Rheinreise 1834 Halt in Köln machte.
Spannende Rekonstruktion alter Ausstellungen
Ähnlich die Rekonstruktion der Bilderpräsentation im ersten Wallraf-Richartz-Museum. Wie es hier 1887 aussah, hielt Ferdinand Brütt in einem impressionistisch angehauchten Ölgemälde fest. Dem Team um das Kuratorinnen-Trio Anne Buschhoff, Ricarda Hüpel und Wulf Herzogenrath gelang es, die dort „abgemalten“ Bilder zu identifizieren – manche gingen im Krieg verloren oder wurden verkauft. Doch die präsentablen sind jetzt in derselben Anordnung wieder zu sehen. Das Zeitzeugnis „Gemäldegalerie“ ist – wie vieles in dieser reichen Ausstellung – eine Leihgabe renommierter Institutionen, hier von der Frankfurter Stiftung Giersch. Klar, dass das Kölner Museum es gerne selber besäße...
1908 sorgte der neue Direktor Alfred Hagelstange für einen buchstäblichen Bildersturm: Er hängte die Gemälde nicht mehr dicht an dicht, sondern nebeneinander auf eine helle Wand. Die Besucher konnten sich nun auf das einzelne Exponat konzentrieren. Dass er die Sammlung durch Ankäufe um zeitgenössische Kunst, insbesondere französische Moderne erweiterte, gefiel nicht jedem. Das leitet zum 6. Kapitel der Museumsgeschichte über: Es behandelt das Verhältnis Künstler und Kunstbetrachter. In bissigen Karikaturen etwa von Honoré Daumier wurde über ein vorgeblich wenig sachkundiges Publikum hergezogen. Wesentlich respektvoller gegenüber Museumsbesuchern zeigt Barbara Klemm, deren Fotos aus internationalen Museen der Ausstellungsbesucher empfangen.
Museumstraditionen auf den Kopf gestellt
Ende des vorigen Jahrhunderts kam Bewegung in die Museumswelt. In Köln inszenierten 1979 der Schweizer Daniel Spoerri – damals auch Dozent an der Kölner Werkschule – und Marie-Louise von Plessen das „Museé sentimental de Cologne“. In alfabetischer Reihenfolge stellten sie von Adenauer über Lust und Laune und Sägemehl bis Zoo Objekte vor, die mit Köln verbunden sind und bis dahin einem Museums eher wesensfremd waren. Eine moderne Ausgabe der barocken Wunderkammern, für heute zu Ehren von Wallraf rekonstruiert.
Noch subjektiver – weil auf Zufall begründet – das Museum „Rolywholyover – A Circus“, zu dem 1991 der Komponist und Künstler John Cage in Los Angeles einlud. Ausgestellt waren Objekte, die von 22 Museen ohne Vorgabe und damit ohne Zusammenhang mit den anderen zur Verfügung gestellt wurden. Zudem wechselten sie regelmäßig den Platz. In dieser Ausstellung wird diese Idee aufgegriffen: 17 Kölner Museen stellen dem WRM jeweils 3 Objekte nach eigener Wahl bereit, die täglich ebenfalls nach dem Zufallsprinzip ausgewechselt werden.
Wenn KI das Ausstellungskommando übernimmt
Den Schlusspunkt dieser einfallsreichen Ausstellung bildet der Einsatz moderner Kommunikationstechnik. Noch nachvollziehbar ist die weltweite „Verlinkung“ mit anderen Museen über einen QR-Code auf einem Globus in der Saalmitte, so dass der Kölner Museumsbesucher diese gleichzeitig ebenfalls besichtigen kann. Gewöhnungsbedürftig dürfte dagegen sein, was Medienkünstler Ingo Günther sich extra für dieses Projekt ausgedacht hat: Er gab einer künstlichen Intelligenz verschiedene Aufgaben für eine Ausstellung. Ein Ergebnis: der schwimmende Igelfisch.
Jürgen Schön
„Museum der Museen“ – bis 9. Februar 2025, Wallraf-Richartz-Museum & Foundation Corboud, Obenmarspforten, 50667 Köln. Tel: 0221 – 221 211 19, www.wallraf.museum. Öffnungszeiten: Di-So 10-18 Uhr, jeden ersten und dritten Donnerstag eines Monats 10-22 Uhr. Eintritt: 11/8 Euro, Katalog 38 Euro. Anfahrt: KVB-Bahn Linie 5, Rathaus; KVB-Bahn Linien 1, 5, 7, 9, Heumarkt. Zu unserem Titelbild: Dieser ausgestopfte Igelfisch schwamm aus dem Aachener Suermondt-Museum leihweise nach Köln.