Theater in Köln: „Hexe – Heldin – Herrenwitz: Ein Panorama zur Geschichte von Frauen
Agrippina, Kölns Stadtgründerin, war lange eine der wenigen Frauen, die in der Stadtgeschichte einen festen Platz hatte. Erst seit wenigen Jahrzehnten hat sich der Blick auf andere einflussreiche Frauen geöffnet. Mit der Revue „Hexe – Heldin – Herrenwitz: Ein Panorama zur Geschichte von Frauen“ setzt ihnen das Theater im Bauturm jetzt ein kleines, unterhaltsames und nachdenkenswertes Denkmal.
Dass das Bild der (Kölner) Frauen wesentlich von Männern geprägt wurde, macht schon die Eingangsszene deutlich. Denn was wüssten wir von Aggrippina, hätte sie nicht der römische Geschichtsschreiber Tacitus erwähnt. Doch das sei im Wesentlichen „männliches Nachtreten“ gegen eine Giftmischerin gewesen, so zoffen sich die beiden Schauspielerinnen Susanne Pätzold und Nicole Kersten. Der erste von vielen weiteren köstlichen, hintergründigen Dialogen. Dabei nicht zu unterschlagen: Die begleitenden Kommentare der Multiinstrumentalistin (Schlagzeug, Gitarre, Vibraphon) und Sängerin Bruna Cabral.
Mal umgekehrt gedacht: Können Männer selbstständig sein?
Zentral und mit entlarvender Widersprüchlichkeit das Streitgespräch über Anna Schneider. Sie hatte 1892 den „Frauen und Mädchenbildungsverein zu Köln“ gegründet, um vor allem alleinstehenden jungen Arbeiterinnen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Der wurde schon nach zwei Jahren aufgelöst: In Preußen war Frauen politisches Engagement verboten. Hier werden im Dialog die damals geltenden Geschlechterrollen vertauscht: Der Verein soll jungen Männern zur Selbstverwirklichung helfen. Aber sind die dazu überhaupt in der Lage? Hat Gott sie dazu auserkoren? Schadet man ihnen mit so einer Hilfe nicht eher? Eine entlarvende Umkehrung, die sich auch heute noch vielmals in die Diskussion über Geschlechtergleichheit einsetzen ließe.
Ein gutes Dutzend Frauen aus der Kölner Geschichte werden im Laufe des Abends vorgestellt, ein breites Spektrum von Aggrippina bis ins 21. Jahrhundert – nur zwei von ihnen haben es als Skulptur auf den Rathausturm geschafft. Dabei gehen leider manche Namen in der lebendigen Darbietung etwas unter; hier wäre mehr Deutlichkeit – etwa durch eine Projektion – angesagt.
Hexenverbrennung – auch Martin Luther war dafür
In der Rubrik Hexe darf natürlich Katharina Henot nicht fehlen, die 1627 wohl eher aus wirtschaftlichem Männerneid als aus religiösen Gründen verbrannt wurde. Hierzu hat das Theaterteam eine Predigt von Martin Luther ausgegraben, in der sich der Reformator klipp und klar zur tödlichen Hexenverfolgung bekennt. Eine eher unbekannte „Hexe“ ist Irmgard Swinka, die alte Frauen vergiftete und beraubte. 1949 wurde über sie in Köln das letzte westdeutsche Todesurteil verhängt, allerdings nie vollstreckt. Erst 1986, zwei Jahre vor ihrem Tod, wurde sie aus dem Gefängnis entlassen.
Viele Frauen haben sich als „Heldinnen“ für Köln verdient gemacht, doch sind ihre Namen vergessen. So Sibylle Mertens-Schaaffhausen (1797-1857), die den Kölner Dombauverein mitbegründete, oder Laura von Oelbermann (1846-1929), die unter anderem den Bau des evangelischen Krankenhauses in Lindenthal wesentlich finanzierte. Ohne die Leiterin des Wohlfahrtsamtes Hertha Kraus (1897-1968) gäbe es die Riehler Heimstätten nicht (heute ein Teil der SBK Sozial-Betriebe Köln). Eine Heldin war sicher auch Grete Fluss, die sich 1910 als erste Büttenrednerin im männlich beherrschten Karneval durchsetzte und bis heute nur wenige Nachfolgerinnen gefunden hat. Und nicht zuletzt die Edelweißpiratin Gertrud „Mucki“ Koch, die immer etwas im Schatten ihrer Kumpel stand.
Auch Frauen können verdammt mitreißend dreckig lachen
Schließlich der Herrenwitz, der nicht nur im Karneval fröhliche Urstände feiert. Neue sind hier nicht zu hören, dafür überzeugt das Frauentrio mit obszönen Gesten, gegenseitigen Umarmungen und einem dreckigen Lachen, wie es sonst wohl nur Männern zugetraut wird.
Nach gut anderthalb Stunden endet der ebenso vergnügliche wie unterhaltsame Abend. Dass mit Franco Melis als Teil des Ensembles (Ausstattung: Anica Blagaj) ausgerechnet ein Mann Regie geführt hat – in diesem Fall kein Problem. So gab es für alle langen verdienten Premierenbeifall.
Jürgen Schön
„Hexe – Heldin – Herrenwitz: Ein Panorama zur Geschichte von Frauen in Köln“ – die nächsten Vorstellungen: 19. April (20 Uhr), 20. April (15 Uhr), 21. April (18 Uhr), 13. und 14. Mai, jeweils 20 Uhr. Theater im Bauturm, Aachener Str. 24-26, 50674 Köln, www.theater-im-bauturm.de, Karten: Tel. 0221 / 52 42 42, www.off-ticket.de, www.koelnticket.de und bei allen KölnTicket-Vorverkaufsstellen. Unser Aufmacherbild (Foto: Marie Laforge) zeigt "Das Verhältnis von Mann und Frau: Für Susanne Pätzold (l.) und Nicole Kersten das richtige Thema an der Bar.