Theater im Bauturm nimmt „Amphitryon“ und das Theater auseinander
Als der griechische König Amphitryon noch im Krieg kämpfte, verführte Obergott Zeus in seiner Gestalt dessen Ehefrau Alkmene. Schon Sophokles brachte das Thema vor fast 3000 Jahren auf die Bühne. Die Interpretation von Heinrich von Kleist hatte 1899 ihre Uraufführung. Jetzt hat das Theater im Bauturm die höchst unterhaltsame, ebenso moderne wie eigenwillige Fassung von Kieran Joel auf dem Programm. „Ein metaphorisches Gedankenspiel nach Kleist“, so der Untertitel.
Regisseur Joel hat das Stück zusammen mit seinen beiden Hauptdarstellern Leonie Houben und Felix Witzlau frei nach Heinrich von Kleist erarbeitet. Die beiden greifen sofort ein zentrales Thema der Sage auf und erörtern es als grundsätzliches Thema des Theaters: Was verändert eine Verkleidung, was bewirkt eine Theaterrolle? Ist es nur eine Rolle oder nicht auch – zumindest zum Teil – der Schauspieler selbst? Was ist Schein, was ist Wirklichkeit? Und wenn ein Gott sich in einen Menschen verwandeln kann, kann sich ein Schauspieler dann nicht auch in einen Zuschauer verwandeln? Ein Spiel, das das Publikum sofort freudig mitspielt.
Auf der Bühne wird laut gestritten
Es ist – nicht nur bei diesem Thema – eine äußerst lautstarke Diskussion auf der Bühne, untermalt von Nebelschaden und permanenter leiser Hintergrundmusik. Wenn Houben den Witzlau spielt und umgekehrt: Wer ist dann wer? Und welchen Anteil hat der Regisseur, der ihnen den Text zugeteilt und damit die Rolle zugeteilt hat?
Schließlich kommt dann auch das antike Liebesdrama auf die Bühne? Warum erinnert sich Amphytrion nicht daran, dass er vor fünf Tagen schon einmal seine Frau beglückte? Wir wissen, das war doch Zeus – aber weiß das auch Alkmene? Dann fragt Houben: Könnte ihr Kollege eigentlich die Verzweiflung der betrogenen Frau spielen? Muss er nicht – statt dessen darf er den betrogenen Ehemann spielen und brilliert auch hier wieder mit lautstarken Verzweiflungsschreien.
Nach dem Sex ein Orgasmen-Echo
Aufgereizt wird er dazu durch Houben als Frau, die den betrügerischen Liebesakt noch Tage später – sehr zur Begeisterung des Publikums – nachspielt und in höchsten Tönen genießt, selbst nach dem Abgang von Zeus noch Orgasmen erlebt. Eine radikale Umkehr klassischer Geschlechterrollen und ein mitreißender theatralischer Höhepunkt.
Schließlich wird auch noch die Rolle des Regisseurs hinterfragt. Das Bühnenduo improvisiert (was natürlich auch im Textbuch steht). Sie greifen die Gestalt des Dieners Sosias auf, in den sich Merkur verwandelt hat – dafür verwandeln sie sich in zwei streitende Lieferboten mit unförmigen Rucksäcken.
Nach gut 70 Minuten geht dann das Licht aus. Das Publikum überlegt – und spendet nach einer kurzen Pause begeisterten Beifall.
Jürgen Schön
„Amphitryon“ – die nächsten Vorstellungen: 13. März (20 Uhr). Theater im Bauturm, Aachener Str. 24-26, 50674 Köln, www.theater-im-bauturm.de, Karten: Tel. 0221 / 52 42 42, www.off-ticket.de, www.koelnticket.de und bei allen KölnTicket-Vorverkaufsstellen. Zu unserem Titelbild: Mit vollem Stimm- und Körpereinsatz nehmen Leonie Houben und Felix Witzlau die Funktion des Theaters auseinander. Fotos: Christopher Horne / TiB