Schön rezensiert: „Die Verschickungskinder" von Jari Banas
Dass Comics nicht nur lustige Geschichten sind, sondern auch brutale, tatsächliche Ereignisse erzählen können, ist mittlerweile akzeptiert. So überrascht es nicht, dass jetzt auch das Schicksal der deutschen „Verschickungskinder“ zu einem Thema wurde. Dabei gelingt es dem Krefelder Karikaturisten Jari Banas in seinem Comic „Die Verschickungskinder“ dem Schrecklichen eine Volte ins Groteske zu geben, die für ein befreiendes Lachen sorgt.
Initiiert wurde das Buch von Anja Röhl, 1955 als Tochter des „konkret“-Gründers Klaus Rainer Röhl und der Journalistin Brunhilde Röhl geboren. Sie war selber mehrfaches Verschickungskind. So werden die gut 10 Millionen Kinder genannt, die – oft unter dem Vorwand gesundheitlicher Vorsorge – bis in die 1970er Jahre zu mehrwöchigen Kinderkuren in 120 Heime quer durch die Bundesrepublik geschickt wurden.
Schwarze Pädagogik statt medizinischer Hilfe
Die Erzieher und Erzieherinnen dort waren oft Anhänger der „schwarzen Pädagogik“, oft genug hatten sie schon in der Nazidiktatur in ihrem Beruf gearbeitet. Die ihnen anvertrauten Kinder wurden bei kleinsten „Vergehen“ oder alterbedingtem „Fehlverhalten“ gedemütigt und misshandelt. Anja Röhl machte ihre Erfahrungen schon vor über zehn Jahren öffentlich. Doch erst in jüngster Zeit ist es ein breiter diskutiertes Thema geworden. Das jetzt im Unrast-Verlag erschienene Buch könnte die Diskussion auch hinsichtlich verspäteter Wiedergutmachung etwa durch Schmerzensgelder zu einem für die Betroffenen positiven Ende bringen.
Die Reise eines Verschickungskindes etwa auf eine Nordsee-Insel begann schon skurill und demütigend: Schmusetierchen und Reiseproviant, den ihnen die Eltern mitgegeben hatten, wurde ihnen abgenommen. Jari Banas erzählt dies und die weiteren Geschehnisse mit einfachen Strichen, nicht in ausdifferenziuerten Kohlezeichnungen, wie sie für viele Graphic Novells angesagt sind.
Mit Witz und Einfühlungsvermögen ins Bild gesetzt
Trotzdem sind alle Kinder Individuen – ganz anders als die brutalen Erzieherinnen, die „Tanten“ werden bei ihm zu Drachen. Kommentiert wird die Handlung bisweilen von zwei Hunden mit den bezeichnenden Namen „Gang“ und „Gäbe“.
Ausführlich und mit viel Einfühlungsvermögen greift er in seinen Zeichnungen die Probleme der verschickten Kinder auf , sich in der unbekannten Welt zurecht zu finden – etwa die Trennung von Eltern und Geschwistern oder das Heimweh. Dass sie nachts nicht auf die Toilette dürfen, dass sie in die Hose machen, das Essen nicht vertragen und es auskotzen. Wie sie sexuellen Übergriffen und fragwürdigen medizinischen Untersuchungen ausgesetzt sind. Wie sie sich selbst verletzen. Wie sich bei der Rückkehr nicht trauen, ihren Eltern von den erlittenen Schikanen zu erzählen – und wenn doch, dass ihnen nicht geglaubt wird.
Briefe an die Eltern werden einkassiert
Und wie die Erzieherinnen auf das „Fehlverhalten“ der Kinder reagieren: Mit Strafen, mit öffentlicher Demütigung, mit Schlägen, mit Drohungen und mit Horrorgeschichten. Wie kalte Dusche als Abhärtungsmaßnahme eingesetzt wird. Wie Briefe nach Hause zensiert oder gleich einbehalten werden, wenn sie nicht gleich von den Erzieherinnen selbst geschrieben werden.
Verschränkt mit diesen Geschichten erzählt Jari Banas auch den Versuch der Traumatisierten, ihre Verletzungen zu verarbeiten. Ihr gemeinsamer Kampf gegen das Bestreben der Gesellschaft und ehemals Verantwortlicher, das alles unter den Teppich zu kehren. Auch das ist – bis heute – keine erfreuliche Geschichte. Doch vielleicht kann dieses Buch dabei helfen, dieses dunkle Kapitel für die Betroffenen zu einem positiven Ende zu bringen. Verdient hätten sie es. Und das Buch hat viele Leser und Leserinnen verdient.
Jürgen Schön
Jari Banas: „Die Verschickungskinder – fürs Leben gezeichnet“ – Vorwort von Anja Röhl. Unrast Verlag, Münster 2023. Softcover, 120 Seiten, 14,80 Euro