Köln

NS-Dokumentationszentrum erinnert an „Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“

NS-Dokumentationszentrum erinnert an „Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“

Geht es um den Zweiten Weltkrieg, konzentriert sich der Blick hier meist auf die beteiligten europäischen Länder und die USA. Die Kämpfe in Fernost mit Japan im Zentrum kommen eher am Rande vor. Was so gut wie gar nicht beachtet wird, sind die Folgen des Krieges auf die sogenannte „Dritte Welt“ – und die waren erheblich. Diese Wahrnehmungslücke füllt jetzt das NS-Dokumentationszentrum mit der Ausstellung „Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“.

Eine zweigeteilte Ausstellung, deren zentraler Teil vom Besucher viel Zeit und Aufmerksamkeit verlangt. In fünf Kapiteln – Afrika, Asien, Südamerika, Karibik, Ozeanien –wird aufgezeigt, welche Folgen die gesamte Welt tragen musste. Auf über 100 Schrifttafeln lassen sich weitgehend unbekannte Fakten nachlesen. Hinzukommen Hörstationen.

Wenig Lohn für Afrikaner in Frankreichs Armee

Zu den eher bekannten Fakten dürfte gehören, dass Frankreich seine Truppen mit Männern aus den afrikanischen Kolonien verstärkte. Rund eine Million waren es – Beispiele zeigen, wie wenig sie dafür belohnt und geehrt wurden. Von rassistischer Diskriminierung schon während ihres Militäreinsatzes zu schweigen. Weniger bekannt ist, wie die Vichy-Regierung in Nordafrika die deutsche Politik gegen Juden „fortsetzte“ und dabei auch von der einheimischen Bevölkerung unterstützt wurde.

Die Bronzeskulptur „Trostfrauen“ darf endlich vor dem NS-Dokumentationszentrum stehen. – Foto: JSBronzes

Auch in der britischen Armee dienten gut fünf Million Soldaten aus den Kolonien, eine Million davon aus Afrika. Auch sie wurden gegenüber den weißen Soldaten diskriminiert, südafrikanische Soldaten wurden selbst nach ihrem Tod nach Hautfarbe getrennt begraben. Und  während viele von ihnen in ihren Heimatländern zu Zwangsarbeit verpflichtet wurden,  unterstützten andere die Alliierten mit Geldspenden.

Japaner in Indonesien zuerst als Befreier begrüßt

Rassistisch behandelten auch die Japaner die Bevölkerung der von ihnen eroberten Länder. Dabei wurden sie etwa in Indonesien zunächst als Befreier von der niederländischen Kolonialmacht begrüßt. Gegen China wurde ein ausgesprochener Vernichtungskrieg geführt, beispielhaft hierfür das Massaker von Nanking. Malaysia oder den Philippinen sind weitere Tafeln gewidmet. Auswirkungen hatte die Kriegsführung bis nach Indien. Unterstützung der antifaschistischen Kriegsseite kam aus Südamerika und den Karibikstaaten – materiell und durch Freiwillige.

Lange ein Tabu-Thema: „Trostfrauen“, zur Prostitution gezwungen

Ein Sonderthema im Kapitel Asien sind die japanischen Kriegsverbrechen an Frauen – mit einem Kölner Schlusspunkt. Traurige Berühmtheit erlangten die „Trostfrauen“ – Frauen, die von den Japanern zur Prostitution gezwungen wurden. Viele dieser „Comfort women“ (wie sie schönfärberisch genannt wurden) trauten sich lange nicht, über die erlittenen Verbrechen zu sprechen. Erst im Jahr 2000 kam es in Tokio zu  einem „Internationalen Kriegsverbrechertribunal über sexuelle Versklavung von Frauen durch die japanische Armee“.

Daran soll die bronzene „Friedenstatue“ des koreanischen Künstlerpaares Kum Eun-sung und Kim Seo-kyung erinnern, die nach langer heftiger Diskussion seit einigen Jahren in Berlin-Moabit steht. Ein Doppel davon steht nun auch in Köln vor dem NS-Dok – ein Standort, der erst nach langem offiziellen Widerstand – auch von OB Reker – durchgesetzt werden konnte.

Ausstellung startete vor 15 Jahren in Köln

Die Ausstellung ist das Ergebnis der intensiven und langjährigen Forschungsarbeit des Kölner Vereins „recherche international“. Erste Ergebnisse zeigte er schon 2010 im NS-Dok. Köln wird auch eine der letzten Stationen sein. Seitdem war sie in über 60 anderen Orten zu sehen. Wie sie unter anderem in Freiburg oder Mosambik  aufgenommen wurde, wird in Köln exemplarisch dokumentiert. Ausführlich dargestellt wird auch die NS-Rassenpolitik und deren Unterstützung etwa durch freiwillige indische Soldaten.

„Die Dritte Welt im zweiten Weltkrieg“: Blick in die Ausstellung. Foto: JS

Eine andere, künstlerische Art der Aufarbeitung des Komplexes „Die Dritte Welt im zweiten Weltkrieg“ findet sich im Untergeschoss des EL-DE-Hauses. Im Zentrum der eindrucksvollen „Kunst gegen das Vergessen“ stehen die einfühlsamen Videoporträts ehemaliger indonesischer „Comfort women“ und deren – erstmals in Deutschland zu sehen – großformatigen Fotos von Jan Banning und der Journalistin Hilde Janssen. Der Algerier Mustapha Boutadjine setzt mit seinen Collagen Widerstandskämpfern ein Denkmal. Die Australierin Ali Cobby Eckermann setzt dies für einen unbekannten Aborigine mit einer verstörenden Plastik um. Amado Alfadni (Ägypten) widmet sich den „Askari“, die in den Armeen der Kolonialmächte Dienst leisten mussten.

Jürgen Schön

„Die Dritte Welt im zweiten Weltkrieg“ – bis 1. Juni. NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln, Appellhofplatz 23-25, 50667 Köln, Tel. 0221 / 221 – 243 40, www.nsdok.de. Öffnungszeiten: Di-Fr 10-18 Uhr, Sa und So 11-18 Uhr, erster Donnerstag im Monat 10-22 Uhr. Eintritt: 4,50/2 Euro, am ersten Donnerstag im Monat frei. Anfahrt: KVB-Straßenbahn, Linie 3, 4, 5, 12, 15 (Appellhofplatz). Zu unserem Titelbild: Die Reihe „Comfort Women“ des niederländischen Fotografen Jan Banning findet sich im Gewölbe des NS-DOK – © NS-DOK / Jörn Neumann

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