Mitreißend: Aktueller Podcast über „Wuthering Heights“ im Theater im Bauturm
„Wuthering Heights“ ist ein fast 200 Jahre alter Roman-Klassiker der britischen Schriftstellerin Emily Bronte, hierzulande unter dem Titel „Sturmhöhen“ bekannt. Eine verwirrende, gewalttätige Familien- und Liebesgeschichte, jetzt von Frederik Werth im Theater im Bauturm höchst originell und aktuell in Szene gesetzt: als Podcast über ein „true crime“. Nach 70 Minuten von einem begeisterten Premierenpublikum gefeiert.
Getragen wird das Stück von der mitreißenden Spiellust des Duos Anja Kunzmann und Alina Rohde. Sie sitzen hinter ihren Mikrophonen im Studio, in das Maria Strauch die Bühne mit braun-orangen Vorhängen stimmungsvoll verwandelt hat. Zwischen den beiden ein Tisch, darauf eine Schale mit Flips, aus dem sie sich sparsam abwechselnd bedienen und eine Getränkedose, zum Ärger von Nelly vor allem für Locke (Anja Kunzmann) gedacht.
Schauspielerin darf auch mal aufs Klo
So nehmen die beiden die komplizierte Geschichte im Jahr 1801 in Folge 531 ihrer Podcast-Show auseinander, mal am selben Strang ziehend, mal sich fetzend und wieder zusammenfindend. Mal ernst, mal kichernd, mal voller Mitgefühl für ihre Protagonisten, mal bissig kommentierend. Zwischendurch auch mal mit einer Toilettenpause (nicht für das Publikum). Natürlich dürfen Werbepausen für „Wuthering Heights“-Möbel Produkte – natürlich ohne Metall und Kunststoff – nicht fehlen.
Dabei greifen die Podcasterinnen die oft verwirrende Handlung von „Sturmhöhen“ auf (der zu folgen ist nicht immer leicht), ereifern sich über die patriarchale Männlichkeit zweier Männer, die dieselbe Frau lieben. Ein Eifersuchtsdrama, das Folgen in die nachfolgende Generation hat und einen der Liebhaber in den Wahn treibt. Mehr als nur nebenbei wird auch die Vermutung aufgegriffen, dass es sich bei dem einen Mann um eine „person of color“ handelt. Eine nicht unwahrscheinliche Interpretation, schließlich war Liverpool zur Entstehungszeit des Romans die Zentrale des britischen Sklavenhandels.
Vorhang weg von Rosamunde-Pilcher-Idylle
Der Podcast macht aus der anfänglichen Rosamunde-Pilcher-Idylle eine Gesellschaftsstudie über Kolonialismus, Geschlechterrollen, Geschlechterkampf, Hierarchien und Unterdrückung. Er verwandelt sie in eine brutale Beziehungsgeschichte, bei dem die Macht- und Unterwerfungswünsche – wie auch im Roman angedeutet – am Ende auf das Verhältnis Mensch-Hund übertragen werden und sich das Podcast-Duo Hundeköpfe überstülpt. Bei einem gefilmten Spaziergang durch Köln finden sich dafür auch lokale Beziehungspunkte. Das Ende des Familiendramas bleibt letztlich offen.
Die ersten Vorführungen fanden im Rahmen des integrativen „Sommerblut“–Festivals statt. Aus diesem Grund wurden sie durch die doppelte Projektion am Bühnenrand vom Gebärdensprecher Rafael Evitan-Grombelka begleitet. Ein Angebot, das fortgesetzt wird (und auch Hörende mitnimmt).
Jürgen Schön
„Wuthering Heights“ – die nächsten Vorstellungen: 10. Juli 2024 (19 Uhr) und 11. Juli (20 Uhr). Theater im Bauturm, Aachener Str. 24-26, 50674 Köln, www.theater-im-bauturm.de, Karten: Tel. 0221 / 52 42 42, www.koelnticket.de und bei allen KölnTicket-Vorverkaufsstellen. Unser Titelbild zeigt. das Podcast-Duo Alina Rohde (l.) und Anja Kunzmann, das sich fetzt und wieder verträgt – sehr zur Freude des Publikums. – Foto: Marie Laforge