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Zwischen Macht und Glamour: Der rote Lippenstift

Zwischen Macht und Glamour: Der rote Lippenstift

Bis heute haben viele den Eindruck, dass rote Lippen provokant und verführerisch sind und nur für diese Umstände getragen werden dürfen. Der rote Lippenstift ist aber alles andere als eine Einladung zum Küssen. #lippenstift #feminismus

In der vergangenen Woche führte die junge und angesagte tschechische Moderatorin Linda Bartošova ein Interview mit dem neu gewählten tschechischen Präsidenten Petr Pavel. Leider konnte der tschechische Präsident nicht die Aufmerksamkeit der Zuschauer*innen gewinnen, da ihr Fokus auf dem Erscheinungsbild der jungen Moderatorin lag: Bartošova trug einen schwarzen Blazer-Look und als Accessoire rote Lippen. Im Internet bekam sie daraufhin eine riesige Hass-Welle von Männern, die sich über die Wahl der Lippenstiftfarbe besonders aufregten.

In den Kommentaren beschweren sich einige Zuschauer*innen, die roten Lippen seien zu viel und in einem solchen Format nicht angebracht. Bartošova stellt sich gegen die sexistischen Kommentare mit einem klaren Statement. 

„Ich hätte nicht gedacht, dass es nötig wäre, mich im Jahr 2023 dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich auf der Arbeit einen roten Lippenstift trage.” 

Unter ihrem Instagram-Post berichten auch andere Frauen und  Queer-Personen, wie sie bei der Arbeit oft unangenehme Kommentare bekommen, sobald sie rot auf den Lippen oder etwas leicht „Mutigeres” tragen. 

Roter Lippenstift als politisches Zeichen 

Zwar kam die rote Farbe in Form eines Lippenstifts erst 1883 auf den Markt, getragen wurde sie auf den Lippen jedoch schon im alten Ägypten. Hergestellt wurde das Rot aus zerquetschen Schildläusen und es galt, wer sich die Lippen schminkte, konnte es sich leisten. Im Mittelalter änderte sich die Ansicht und Schminke galt als Verkörperung des Teufels, weil sie ihr gottgegebenes Gesicht veränderte. Elizabeth I. demonstrierte dies mit dem Tragen der roten Farbe auf den Lippen im Kontrast zu ihrem weiß gepuderten Gesicht.

Nur Hexen tragen rote Lippen

Anfang des 17. Jahrhunderts hieß es in Italien: „Es solle jede Frau bestraft werden, die sich schminkt, um schön zu wirken”, so der italienische Dominikaner Tommaso Campanella. Das englische Parlament reagierte mit einem Beschluss, der besagte, dass Ehen annulliert werden konnten, wenn der Mann durch rote Lippen verführt wurde. Es galt: Wurde ein Mann von einer Frau, die einen roten Lippenstift trug, verführt, war sie eine Hexe.

Die neue Bedeutung des Lippenstifts

Erst Anfang des 20. Jahrhunderts bekam der rote Lippenstift im Zeichen der weiblichen Revolution eine politische Bedeutung. 1912 demonstrierten die New Yorker Suffragetten mit knallroten Lippen für das Frauenrecht. Der rote Lippenstift wurde zum Symbol der Emanzipation und dank Kämpferinnen und Modeschöpferinnen wie Coco Chanel zeigten sich Frauen mit roten Lippen.

Auch im Kampf gegen den Nationalsozialismus spielte der rote Lippenstift eine Rolle: In der nationalsozialistischen Ideologie galt als Schönheitsideal „natürlich” auszusehen, also trugen Engländerinnen und Amerikanerinnen das „Victory Red” oder „Patriot Red” auf den Lippen. Durch Schauspielerinnen wie Marylin Monroe oder Elizabeth Taylor bekam der rote Lippenstift eine weitere Bedeutung. Einen selbstbewussten Look, den alle tragen wollten und bis heute mit dem Hollywood-Glamour assoziieren. 

Nicht nur ein roter Lippenstift

Man könnte denken, dass im 21. Jahrhundert der rote Lippenstift vorurteilslos zu jeder Gelegenheit getragen werden kann, aber das Interview der jungen Moderatorin zeigt, dass dies nicht der Fall ist. Noch immer werden weiße Frauen, die einen roten Lippenstift tragen, dafür verurteilt und sexualisiert. Ebenso, oder vielleicht sogar noch schlimmer, trifft es nicht-weiße Frauen. Ein roter Lippenstift wird bei einer Schwarzen Frau oder bei einer Latina als verrucht oder billig und zum Hautton nicht passend angesehen. Bei weißen Frauen hingegen kann ein roter Lippenstift auch als elegant und klassisch angesehen werden.

Wie wäre es aber, wenn jede Person, abgesehen von Hautton, Motiven oder Situation, die Lippenstiftfarbe selbst wählen könnte, ohne verurteilt zu werden? Dank Frauen wie Linda Bartošova, die sich in der Öffentllichkeit stolz mit rotem Lippenstift zeigen, wird es hoffentlich bald möglich sein. 



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Emma
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