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Der dunkle Weg zur Antibabypille

Der dunkle Weg zur Antibabypille

Die Pille ist ein vieldiskutiertes Thema. Sie wird verteufelt oder geliebt und löst feministische Debatten über die Verhütung und die einhergehende Verantwortung aus. Auch mit Hinblick auf die Geschichte der Pille stellt sich eine Frage: Wie feministisch ist sie wirklich? #pille#carlclauberg#nszeit

Die Antibabypille, häufig als Pille bezeichnet, ist ein hormonelles Verhütungsmittel, welches für den Schutz vor einer Schwangerschaft von Frauenärzten*innen empfohlen wird. Für viele Frauen ist die Pille ein Stück Freiheit und hilft dabei selbstbestimmt über den eigenen Körper zu entscheiden. Schaut man in die Vergangenheit, wird deutlich, dass sie für viele Frauen mit Unterdrückung verbunden ist. 

Im August dieses Jahres wird sich die Marktfreigabe der Pille zum 63. Mal jähren. 1960 kommt sie in den USA unter dem Namen „Enovid“ auf den Markt und ist zunächst nur für verheiratete Frauen mit mehreren Kindern erhältlich. Anfänglich wird die Pille nicht als empfängnisverhütendes Mittel verkauft, das ist lediglich als Nebenwirkung in der Packungsbeilage angeführt. Vielmehr dient das Medikament dazu, Menstruationsbeschwerden zu lindern. Ein Jahr später ist sie in Deutschland erhältlich, unter dem Namen „Anovlar“. Die 60er Jahre markieren jedoch nicht den Anfang der Geschichte, der Antibabypille.  

Bereits Mitte der 1920er Jahre forscht ein Mann zu Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit, der Gynäkologe Carl Clauberg. Er gilt als ein grenzenlos ehrgeiziger und nach Aufstieg strebender Arzt und Wissenschaftler, so beschreiben ihn Zeitgenossen, die 2020 zum 60-jährigen Bestehen der Pille vom Redaktions Netzwerk Deutschland interviewt werden. Clauberg wird 1898 im Rheinland geboren und wächst in Kiel auf. Ab 1916 ist er Infanterist am Ersten Weltkrieg und gerät ein Jahr später in Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Entlassung beginnt Carl Clauberg ab 1920 ein Medizinstudium an der Universität Hamburg, welches er an der Universität Graz beendet. Wie sich später herausstellt, eine Entscheidung, die vielen hunderten Frauen in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten zum Verhängnis wird. Seine Forschung führt Mitte der Dreißigerjahre zum ersten Erfolg. Ihm ist es gelungen, die Menstruation einer jungen Frau um einige Tage zu verschieben und eine Reaktion der Uterusschleimhaut zu verursachen. Damit ist die noch heute gültige wissenschaftliche Grundlage für die hormonelle Verhütung formuliert. 

Ein Nazi sei er nicht gewesen, das schreibt Silvia Wilking in ihrer 2016 erschienen Dissertation über Clauberg. Nicht abzustreiten ist jedoch, dass der Gynäkologe Frauen vor allem als Versuchsmaterial betrachtet und keine ethischen Grenzen kennt. In zwei Konzentrationslagern wird er von 1942 bis 1945, seine theoretischen Forschungen in die Praxis umsetzen und hunderte von Frauen Zwangssterilisieren.  

Zunächst jedoch die persönliche Ernüchterung: Die Empfängnisverhütung liegt nicht im Interesse der Nationalsozialisten. Im Gegenteil, denn die Devise lautet: Gebären für „Führer, Volk und Vaterland“. Jungen sollen zu tapferen Soldaten herangezogen werden und Mädchen werden auf die Rolle der Mutter und Ehefrau vorbereitet. Doch eines will man nicht: Nachkommen von Menschen, die als „nicht arisch“ angesehen werden. Die Nationalsozialisten bringen Millionen von Menschen um: Juden, Roma und Sinti, Regime-Gegner und im Zuge der Euthanasie Schwerkranke, behinderte oder unheilbar kranke Menschen. Die Verhinderung einer „negativen Demographie“.  

Bei der “Demographie” handelt es sich im Fachterminus, um die statistische und theoretische Entwicklung einer Bevölkerung. Dabei fließen Faktoren, wie die alters- und zahlenmäßige Gliederung, die geografische Verteilung sowie umweltbedingte soziale Faktoren mit ein. Nach der Ideologie der Nazi, stellt die Ausbreitung der “nicht arischen Rasse” - und damit die Verdrängung des deutschen Volks - eine “negative Demographie” dar. 

Bei einem Treffen am 22. März 1941 stellt Carl Clauberg SS-Chef Heinrich Himmler seine Arbeiten vor und erhält im darauffolgenden Jahr die Erlaubnis, seine Sterilisationsversuche im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau fortzusetzen. Zunächst in Block 30 des Frauenlagers, ab März 1943 weist man ihm den Block 10 für seine Experimente zu. 

„Wir wurden mit unserer Nummer aufgerufen, und dann war da Clauberg, der uns etwas in die Vagina spritzte. Und manchmal sagten sie dann: „Es gibt keine Kinder mehr“, so Leny Adelaar, Auschwitz-Überlebende im Interview mit Arte. Die Frauen haben zu Schweigen, dürfen kein Leid zeigen und keine Fragen stellen. Was passiert mit mir? Warum soll ich mich auf den Tisch legen?  Wofür wird mir die Spritze injiziert? Diese Fragen sind Tabu! Danach beginnt die eigentliche Tortur. “Ich musste drei Tage liegen, mit schrecklichen Schmerzen”, erinnerte sich Renée Duering, im Interview mit dem RND. 

In zwei Sälen dieses Blocks werden einige hundert Jüdinnen aus verschiedenen Ländern untergebracht. Mit der von Clauberg entwickelten Methode injiziert man den Frauen ein speziell präpariertes, chemisches Mittel in die Eileiter, das starke Entzündungen zur Folge hatte. Nach einigen Wochen sind die Eierstöcke verwachsen und verstopft. Viele Insassinnen sterben an den Folgen der Experimente. Andere werden nach den Kriterien Claubergs als „unbrauchbar“ deklariert und in Konzentrationslager Birkenau im Gas erstickt oder bei einem Arbeitskommando ums Leben gebracht. Mit dem Vorrücken der Roten Armee setzt der Gynäkologe seine menschenverachtenden Versuche im Konzentrationslager Ravensbrück fort. Insgesamt führt Clauberg zwischen 550 und 700 Zwangssterilisationen durch. 

Noch heute verkauft der Konzern Schering (seit 2006 zugehörig zu Bayer), welcher einst Claubergs Forschungen finanzierte, die Antibaby-Pille und wirbt im September 2020 auf der Webseite mit Aussagen wie „60 Years Empowering Women“ Der Konzern feiert damit die Erfindung unter dem Deckmantel „Science for a better Life“. Eine Aussage, die die erlebte Realität der Überlebenden Frauen aus den Blöcken 30 und 10 zutiefst erniedrigt. 

 Auch in Amerika werden in der 60er Jahren menschenverachtende Forschungen an Frauen durchgeführt. Margaret Sanger, eine US-amerikanische Aktivistin, ebnet Frauen mit ihrem Aktivismus zwar den Weg in die Selbstbestimmung, dies tut sie jedoch auf Kosten der Selbstbestimmung anderer Frauen. Auf der einen Seite eine Geldgeberin für die Entwicklung der Pille, auf der anderen Seite eine überzeugte Eugenikerin. Der Gynäkologe John Rock und der Physiologe Gregory Pincus, welche in den USA als „Väter der Pille“ gelten, führen ihre Forschungen auf der Insel Puerto Rico durch. Sie testen die Pille in hochkonzentrierter Form an Fabrikarbeiterinnen, die anschließend zu Hause streng unter Beobachtung stehen. Das allein reicht den Forschern aber nicht. Es werden auch ohnehin vorbelastete Psychiatrieinsassinnen getestet. Um die volle wissenschaftliche Erkenntnis zu suggerieren, forschen sie ergänzend an Männer in Gefängnissen. So soll untersucht werden, ob deren „homosexuelle Neigungen“ verringert wird. 

Bei all diesen Informationen rund um die Pille bleibt eine Frage: Wie feministisch ist Pille wirklich? Klar, für viele Frauen rund um den Globus bedeutet sie Freiheit. Die Freiheit eigenständig darüber zu entscheiden, ob und wann man Kinder auf die Welt setzt. Wo früher das patriarchale System darüber entschied, dass die Pflicht der Frau darin liegt Kinder zu bekommen, stellt die Einnahme der Pille heute schon fast einen aktivistischen Akt dar. Und trotzdem: Für die Frauen, aus den Konzentrationslagern und die Menschen aus Puerto Rico, ist die Erfindung der Pille mit Unterdrückung verbunden. Anstelle der Selbstbestimmung haben die Überlebenden Jahre nach deren Befreiung aus den Konzentrationslagern, mit den Folgen der für sie getroffenen Entscheidungen zu leben. 

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