Beatrice Scalvedi und das Recht auf Schwäche
Beatrice Scalvedi hatte eine große Karriere vor sich. Mit 18 Jahren startete die Skirennläuferin erstmals im Europacup in der Königsdisziplin des Skisports, der Abfahrt. Ihr erstes Europacup-Abfahrtsrennen gewann die Schweizerin in Davos 2016. Im selben Jahr holte sie bei der Junioren-Weltmeisterschaft in Sotschi die Silbermedaille. Ihre Erfolge in der Abfahrt brachten ihr einen Startplatz im Weltcup 2017 ein.
2018 war Scalvedi gezwungen, ihre Profisportkarriere aufgrund zahlreicher Verletzungen zu beenden. Trotz intensiver Therapien und Spitzenbetreuung war das Anknüpfen an frühere Höchstleistungen für die damals 23-Jährige nicht mehr möglich. In der Folge äußerte sich Scalvedi kritisch über den Leistungsdruck im Spitzensport und die dadurch entstehenden mentalen Probleme von Sportler*innen. Nach ihrem Abschied sagte Scalvedi:
„Sportler müssen sich immer stark zeigen. Dabei sind auch sie normale Menschen mit ihren Problemen und keine Maschinen. Auch sie haben ein Recht auf Schwächen verdient.“
Sportler*innen stehen unter hohem Druck
Von außen betrachtet, erscheinen uns Sportpersönlichkeiten tatsächlich oft wie hochgerüstete Maschinen. Die Leistungen, die sie vollbringen, wirken übermenschlich. Gesellschaftlich stellen wir sie gerne als Vorbilder dar, die das mentale und körperliche Optimum erreicht haben. Die Verehrung für Sportler*innen basiert auf dem gleichen Effizienzstreben, das wir auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen finden. Dieses Bild eines ‚menschlichen‘ Perfektionismus lässt keine Abweichungen zu.
Aber Sportler*innen stehen auch unter hohem körperlichem und psychischem Druck. Mentale oder körperliche Schwächephasen gefährden den sportlichen Erfolg und können daher nicht geduldet werden. Besonders die psychische Gesundheit gerät bei Leistungssportler*innen schnell in den Hintergrund. Das liegt auch daran, dass dieser Bereich vom Training und der sportlichen Ausbildung oft ignoriert wird. So war es auch bei Scalvedi, die nach ihrem Rücktritt in eine depressive Episode rutschte. Doch der Schweizer Sportverband, den sie um Hilfe bat, fühlte sich nicht zuständig. Dabei ist es gerade für junge Athlet*innen sehr wichtig, neben dem Sportlichen auch eine psychologische Betreuung zu erhalten. Nur die wenigsten Athlet*innen schaffen es an die sportliche Spitze. Leistungsdruck, Stress und Ängste können massive Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung junger Athlet*innen haben. Beatrice Scalvedi hat sich entschieden, diesen Aspekt nach ihrer Sportkarriere stärker in den Vordergrund zu stellen. Sie begann ein Psychologie-Studium.